Das Aripiprazol 2-Monatsdepot Abilify Maintena® 960 mg wurde vor kurzem für die Behandlung der Schizophrenie in der EU zugelassen. Dr. Peter Plum, Psychiater am Klinikum Siegen, beantwortet im Rahmen eines Experteninterviews sechs spannende Fragen zum neuen Depot-Präparat. Im Gespräch erzählt Dr. Plum, welche Vorteile ein längeres Injektionsintervall bieten kann und welche PatientInnen am meisten profitieren könnten. Zudem erhalten Sie auch einen Überblick über die Zulassungsstudie von Abilify Maintena® 960 mg.
Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile einer Therapie mit Depot-Antipsychotika im Vergleich zur oralen Medikation und wie spiegelt sich das in Ihrem Praxisalltag wider?
Aus meiner Sicht haben Depot-Präparate einige Vorteile: So können Depot-Präparate die regelmäßige Einnahme eines notwendigen Medikaments sicherstellen und Betroffene werden nicht durch eine tägliche Tabletteneinnahme an die Erkrankung erinnert. Mit Blick auf das Krankheitsgefühl kann dies entlasten und gleichzeitig verhindern, dass eine Tablette vergessen wird. Dabei wissen wir aus dem klinischen Alltag, dass selbst bei adhärenten und gut psychoedukativ aufgeklärten PatientInnen, eine Reexazerbation der paranoid-halluzinatorischen Symptomatik wieder auftreten kann, wenn die Tabletteneinnahme einige Tage vergessen wird. Hinzu kommt, dass die Gabe des Depot-Präparats durch ein professionelles Team durchgeführt wird und so die Einnahme nicht nur sichergestellt ist, sondern der oder die Betroffene auch die regelmäßige Möglichkeit hat, Fragen zur Krankheitsbewältigung zu stellen. So kann aus meiner Sicht die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden. Die Rückmeldungen meiner PatientInnen bestätigen diese Einschätzung.
Die meisten momentan verfügbaren Depot-Präparate müssen einmal monatlich verabreicht werden. Nun gibt es ein neues Aripiprazol-Präparat, das kürzlich zugelassen wurde und ein längeres Injektionsintervall von 2 Monaten hat. Welche Vorteile kann ein verlängertes Injektionsintervall bieten?
Ein verlängertes Injektionsintervall kann in mehrfacher Hinsicht vorteilhaft sein: für die Betroffenen bedeutet dies zunächst mal die Halbierung der Anzahl der Injektionen, so kann das Risiko von Nebenwirkungen durch Injektionen an sich deutlich verringert werden und die Anzahl der Arztbesuche bei stabiler Einstellung halbiert werden. Das spart Kosten und Zeit für andere PatientInnen. Zusätzlich wird sich auch der Gesprächsinhalt bezüglich nicht pharmakologischer Aspekte verändern. Im klinischen Alltag kommen ja leider die Themen Psychoedukation, Gestaltung des Tagesablaufes, Verbesserung der Beziehungen zu Familie und FreundInnen und Aufnahme einer Beschäftigung zu kurz. Verlängerte Injektionsintervalle könnten zudem dazu beitragen, das Risiko für die Rückfalle und Hospitalisierungen zu verringern und den Betroffenen so eine längere Stabilisierungsphase zu ermöglichen.[1] Zuletzt sind so auch Reisen und längere Aufenthalte bei entfernt lebenden Verwandten oder im Ausland wie bei einem Urlaub oder auch aus beruflichen Gründen wie beispielsweise auf Montage bei gut integrierten PatientInnen möglich. Den PatientInnen und natürlich auch den Behandlungsteams sind eine Behandlungssicherheit und auch eine Vermeidung von Einnahmefehlern wichtig, dies kann mit einem länger wirksamen Depot-Präparat besser umgesetzt werden.
Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Zulassungsstudie zum Aripiprazol 2-Monatsdepot Abilify Maintena® 960 mg geben und die wichtigsten Ergebnisse einordnen?
Bei Abilify Maintena® 400 mg ist bereits ein Zusammenhang zwischen Pharmakokinetik und Wirksamkeit, Sicherheit sowie Verträglichkeit belegt.[2] Die pharmakokinetische Zulassungsstudie konnte zeigen, dass Abilify Maintena® 960 mg über das gesamte Dosierungsintervall ähnliche Aripiprazol-Konzentrationen[3] wie Abilify Maintena® 400 mg aufweist: So lagen die mittleren Aripiprazol-Plasmakonzentrationen von PatientInnen unter Abilify Maintena® 960 mg über das gesamte Dosierungsintervall oberhalb des Schwellenwertes von 95 ng/ml.2,3 Abilify Maintena® 960 mg wurde dabei im Allgemeinen gut vertragen, wobei das Nebenwirkungsprofil vergleichbar war mit Abilify Maintena® 400 mg.3
Haben Sie bereits eine/n konkrete/n PatientIn im Kopf, der/die von der Umstellung auf ein 2-Monatsdepot profitieren könnte?
Wie zuvor schon erwähnt, kann das verlängerte Injektionsintervall bei vielen Aspekten eine Verbesserung bewirken. Ich würde grundsätzlich jedem/jeder Betroffenen, der/die durch ein Depot-Präparat eine Stabilisierung erfahren hat, ein länger wirksames Depot-Präparat anbieten. Besonders sind natürlich diejenigen PatientInnen dafür geeignet, die ein gutes Funktionsniveau sowie eine gewisse Krankheitseinsicht aufweisen, so dass sie weniger häufig zum Facharzt gehen müssen.
Gibt es weitere PatientInnen, die von einem längeren Injektionsintervall maßgeblich profitieren könnten?
Grundsätzlich können alle PatientInnen profitieren, die auf Aripiprazol[4] (oral oder Abilify Maintena® 400 mg) eingestellt sind. Weiterhin sind auch die zwar gut unter dem Neuroleptikum eingestellten, jedoch noch in der Adhärenz schwankenden Betroffenen für Abilify Maintena® 960 mg geeignet, da sich gezeigt hat, dass unter einer sicheren Vergabe des Wirkstoffes auch eine Rehospitalisierung hinausgezögert oder im besten Fall verhindert werden kann. Ein Vorteil, den die Umstellungen auf Abilify Maintena® 960 mg auf jeden Fall mit sich bringt, ist, dass ÄrztInnen und PatientInnen zusätzlich mehr Zeit haben, sich mit Psychoedukation, Beziehungsaufbau, Integration von Vertrauten und Erstellung eines Krisenplans zu beschäftigen.
Was gilt es Ihrer Meinung nach bei der Einstellung auf Abilify Maintena® 960 mg und der Kommunikation mit den PatientInnen zu beachten?
Es sollte mit den PatientInnen besprochen werden, dass die Arztbesuche und Anzahl der Injektionen halbiert werden können, falls eine entsprechende Stabilität erreicht worden ist. Die Termine können für andere im Alltag wichtigere Themen genutzt werden und so kann auch über Erkrankungsverständnis und Verhaltensanpassung ein noch besseres Therapieergebnis erzielt werden. Ergänzend wäre aus dem klinischen Alltag zu beachten, dass die Betroffenen darauf aufmerksam gemacht werden, dass das 2-Monatsdepot bei all den genannten Vorteilen nur noch gluteal injiziert werden kann. Weiterhin sollte kommuniziert werden, dass sich die verabreichte Tagesdosis nicht ändern wird und stabil bleibt. Es sollte zudem den PatientInnen erklärt werden, wie eine langfristige und gleichmäßige Abgabe des Wirkstoffes zu einer gleichmäßigeren Wirkung führt. So können beispielsweise Spitzen und Täler in den Blutspiegeln vermieden werden.
Referenzen
[1]. Mathews M et al. Neuropsychiatr Dis Treat. 2020;16:1533–1542.
[2]. Wang et al. Clin Pharmacol Drug Dev 2022; 11:150–164.
[3]. Harlin M et. al CNS Drugs 2023;37:337-350.
[4]. Fachinformation Abilify Maintena® 960 mg, aktueller Stand