Talk, talk, talk: Kommunikationsstrategien im Check
Im heutigen Teil der Themenreihe „Schizophrenie und…“ möchten wir uns mit einer wichtigen Therapiesäule bei Schizophrenie beschäftigen: die Psychotherapie. Psychotherapeutische Ansätze sind inzwischen aufgrund ihrer Evidenz in einigen Leitlinien als wichtige Therapiesäule verankert.[1],[2] Die Psychotherapie kann betroffenen PatientInnen dabei helfen, besser mit ihrer eigenen Erkrankung und ihren Folgen umzugehen. Ein Teilbereich ist die Psychoedukation, deren Ziel es ist, PatientInnen in die Lage zu versetzen, aktiv an ihrer Gesundung mitzuwirken (Empowerment).[3] Damit verbunden ist die Hoffnung, die Adhärenz sowie Therapieergebnisse positiv zu beeinflussen. Durch eine verbesserte Krankheitseinsicht sollen die PatientInnen gemeinsam mit den BehandlerInnen die für sie besten Therapieentscheidungen treffen und eventuelle Hürden, z. B. beim Start der medikamentösen Therapie, überwinden.
Inzwischen stehen verschiedene psychotherapeutische Maßnahmen für Schizophrenie-PatientInnen zur Verfügung. Zu den Interventionen, die die S3-Leitlinie Schizophrenie ausdrücklich empfiehlt, gehören unter anderem die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) (Empfehlungsgrad A), metakognitives Training (MKT) (Empfehlungsgrad B) sowie die Psychoedukation (Empfehlungsgrad A).2 Im Rahmen der KVT werden unter anderem die Annahmen über Halluzinationen und Wahn (Positivsymptome) durch Realitätstestung und Anwendung der sokratischen Methode modifiziert.[4] Weitere Ziele sind der (Wieder-)aufbau von Selbstvertrauen und sozialer Kompetenzen sowie die Förderung von Aktivität, um den Negativsymptomen entgegenzuwirken). MKT dient dazu, die Denkstile von PatientInnen, die Wahnerleben begünstigen können, abzuschwächen und alternative Erklärungsmöglichkeiten zu trainieren.4
Grundsätzlich werden diese psychotherapeutischen Maßnahmen zusätzlich zur antipsychotischen Medikation angeboten, jedoch sollte die KVT auch bei PatientInnen zur Reduktion psychotischer Symptome angeboten werden, die eine medikamentöse Behandlung ablehnen.2 Zusätzlich ist die Einbeziehung der Familie bzw. Bezugspersonen in die psychotherapeutische Behandlung eine empfehlenswerte Option und zwar sowohl im Fall von PatientInnen mit ersten psychotischen Episoden als auch bei Betroffenen während und nach eines Rückfalls.2
Psychoedukation: Wissen ist Macht
Gemäß der S3-Leitlinie Schizophrenie soll eine strukturierte Psychoedukation allen Menschen mit Schizophrenie – auch unter Einbeziehung von Angehörigen und Vertrauenspersonen – angeboten werden.2 Die psychoedukativen Interventionen haben zum Ziel, die PatientInnen und Angehörige oder Vertrauenspersonen über die Erkrankung zu informieren, ihr Krankheitsverständnis und den selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung zu fördern und sie bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen.2 Dahinter steht der Gedanke, dass ein größeres Krankheitsverständnis zu mehr Krankheitseinsicht führen sollte, die sich wiederum positiv auf die Therapieadhärenz und Behandlungsergebnisse auswirken kann.3 Oder anders ausgedrückt: Gut informierte PatientInnen (inkl. Angehörige und Bezugspersonen) sind besser in der Lage gemeinsam mit der/dem BehandlerIn Therapieentscheidungen zu treffen. Beispielsweise stehen PatientInnen und Angehörige häufig intuitiv einer medikamentösen Behandlung kritisch gegenüber oder lehnen diese ab.3 Wenn sie jedoch die Sinnhaftigkeit und Wirkungsmechanismen einer medikamentösen Behandlung verstanden haben, könnte dies dazu führen, dass sie die Therapie für sich annehmen.
Weitere Kommunikationsstrategien abseits von Psychotherapie
Motivational Interviewing (MI) kann zusätzlich die Akzeptanz u.a. von medikamentöser Behandlung unterstützen. Dabei handelt es sich um eine spezielle Kommunikationstechnik, mit der die Motivation zu positiven Verhaltensänderungen in Richtung vermehrter Behandlungsbereitschaft gefördert und somit u. a. die Adhärenz verbessert werden soll.3 Den Rahmen bildet ein partnerschaftlicher Dialog auf Augenhöhe, in der die Sichtweisen, Werte und Ziele der PatientInnen im Mittelpunkt stehen. Das MI kann z. B. zur Anwendung kommen, wenn es darum geht, den PatientInnen eine Therapie mit lang wirksamen Depot-Antipsychotika anzubieten und eventuelle Hürden auf Seiten der PatientInnen abzubauen. Eine weitere Kommunikationsstrategie ist das Shared-Decision-Making, bei der Patient:innen und Ärzt:innen zusammen arbeiten, um gemeinsam Behandlungsentscheidungen zu treffen.3 In der Studie PRELAPSE (PREvention of reLAPSE) konnte gezeigt werden, dass die Nutzung von Shared-Decision-Making (SDM) dazu beitragen könnte, die Akzeptanz gegenüber einer Depot-Therapie zu erhöhen und den Zeitraum bis zur ersten Hospitalisierung zu verlängern.[5],[6]
Akzeptanz der Depot-Therapie: Kommunikation kann einen großen Unterschied machen
PRELAPSE (PREvention of reLAPSE) war eine investigator-initiierte, multizentrische Cluster-randomisierte Studie, in der untersucht wurde, wie die kommunikativ unterstützte Anwendung von Aripiprazol-Depot (Abilify Maintena®) im Vergleich zur Routinebehandlung bei PatientInnen mit einer Schizophrenie in der Frühphase den Zeitraum bis zur ersten Hospitalisierung verlängern kann.5,6 Dazu wurden 234 PatientInnen in 19 Abilify Maintena® (AOM)-Zentren die Behandlung mit dem Depot-Antipsychotikum Abilify Maintena® angeboten. In 20 weiteren Zentren erhielten 255 PatientInnen eine Therapie nach Wahl des Behandlers („Clinician's Choice“).5,6 Behandlerteams aller Zentren erhielten dabei eine Schulung zur Durchführung der Studie. Die Behandlerteams in den AOM-Zentren wurden dabei zusätzlich zu SDM sowie zu Depot-Antipsychotika (Einstellung, Bedeutung der Non-Adhärenz, Wirksamkeit etc.) geschult.5 Das Ergebnis zeigt deutlich: In den AOM-Zentren verzögerte sich gegenüber den CC-Zentren die Zeit bis zur ersten Hospitalisierung signifikant (durchschnittlich 614 Tage vs. 531 Tage; Hazard Ratio: 0,56 (95 %-Konfidenzintervall [KI]: 0,34-0,92; p = 0,02).6 Die Depot-Medikation wurde zudem von der Mehrheit der PatientInnen sehr gut akzeptiert: 91 % der Teilnehmenden in den AOM-Zentren erklärten sich bereit, ≥1 Depotinjektion im Laufe der Studie zu erhalten.5,6 In den CC-Zentren erhielten 51 % der PatientInnen eine Depotinjektion, während 49 % mit oralen Antipsychotika behandelt wurden.6
Die Ergebnisse unterstützen damit nicht nur den frühen Einsatz von lang wirksamen Antipsychotika, sondern auch eine verstärkte Anwendung von speziellen Kommunikationstechniken, darunter MI, in Bezug auf die Depot-Therapie.
Fazit:
Referenzen
[1] Lincoln TM, Moritz S. Verhaltenstherapie 2017;27:157-159.
[2] Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) (Hrsg.), S3-Leitlinie Schizophrenie 2019, AWMF-Register Nr. 038–009.
[3] Bienentreu S et al. Psychopharmakotherapie 2021;28:52-62.
[4] Leucht S, Förstl H. Kurzlehrbuch Psychiatrie und Psychotherapie. 6. Auflage, Thieme. ISBN: 978-3-13-148381-2.
[5] Kane JM et al. J Clin Psychiatry. 2019;80:18m12546.
[6] Kane JM et al. JAMA Psychiatry. 2020;77:1-8.
DE-ASMT-0087 DE-AM2-2400090