Gesundheits-Apps auf Rezept: Wie Schizophrenie-PatientInnen von DiGAs profitieren können
Die zunehmende Digitalisierung verändert immer mehr Lebensbereiche, so auch die medizinische Versorgung. Ein Beispiel dafür sind die Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs), die von ÄrztInnen für die Therapieunterstützung verordnet und von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden können.[1] Sie sind in Form von Apps oder webbasierten Anwendungen verfügbar, deren medizinischer Nutzen in Studien nachgewiesen wurde. Die Vorteile für PatientInnen liegen auf der Hand: In erster Linie ermöglichen DiGAs PatientInnen einen niedrigschwelligen Zugang zu Hilfsangeboten.[2] Zudem sind sie zeit- und ortsunabhängig, wovon vor allem PatientInnen in versorgungsarmen Gebieten profitieren können. Im Rahmen der CME-zertifizierten PsychiatrieLive Fortbildung „Neue Perspektiven in der Schizophrenie-Behandlung“ (siehe Infokasten) gab Prof. Dr. Jens Kuhn einen kurzen Überblick über DiGAs für Schizophrenie-PatientInnen. Zwar stehen eigens für die Schizophrenie-Therapie entwickelte DiGAs derzeit noch nicht zur Verfügung, jedoch gibt es aktuell digitale Anwendungen für einige Symptomdomänen der Erkrankung wie Depression und kognitive Beeinträchtigungen. Die bereits verfügbaren DiGAs könnten dazu beitragen, die Versorgung von Schizophrenie-PatientInnen zu verbessern.
Seit Oktober 2020 können die Kosten für verordnete DiGAs von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. DiGAs erfreuen sich dabei wachsender Beliebtheit: So sind seit Oktober 2020 die monatlichen Ausgaben für entsprechende digitale Hilfsangebote kontinuierlich angestiegen (~ 7 Mio. € in Sep. 2023), was auf einen vermehrten Gebrauch hinweist.[3] Die Anwendungsbereiche erstrecken sich dabei über alle Bereiche der Medizin, wobei viele DiGAs für den Bereich der Psychiatrie[4] entwickelt wurden: Dazu gehören u. a. digitale Hilfsanwendungen zum Einsatz bei Sozialer Phobie, Agoraphobie, Depression, Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie Essstörungen.[5] Sie können dabei helfen, das Wohlbefinden der PatientInnen zu fördern und sie beim Umgang mit der Erkrankung zu unterstützen. Voraussetzung zur Einstufung einer App oder webbasierten Anwendung als DiGA ist der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit. Mehr Informationen zur Bedeutung von DiGAs im medizinischen Bereich gab Prof. Kuhn in der On-Demand-Fortbildung „PsychiatrieLIVE“.
Schizophreniebehandlung heute – der neueste Stand
Prof. Kuhn ging in seinem Vortrag nicht nur auf DiGAs für Schizophrenie-PatientInnen ein, sondern gab auch Einblicke in andere spannende Entwicklungen auf dem Gebiet der Schizophreniebehandlung. Mehr dazu erfahren Sie in der On-Demand-Fortbildung „PsychiatrieLIVE“.
Digitale Unterstützung der Schizophrenie-Therapie: Eine kurze Bestandsaufnahme
Wie eingangs erwähnt, steht bislang noch keine DiGA zur Verfügung, die ausschließlich für die Behandlung von Schizophrenie zugelassen ist. Aktuell sind jedoch einige DiGAs in diesem Bereich in der klinischen Prüfung: Ein Beispiel dafür ist die Studie CONVOKE, in der die Wirksamkeit von zwei digitalen Hilfsanwendungen für die unterstützende Behandlung der Negativsymptome evaluiert wird.[6]
Es gibt jedoch bereits DiGAs, die von Schizophrenie-PatientInnen für die Symptomdomänen Depression und kognitive Beeinträchtigungen verwendet werden können. Wenn bei PatientInnen mit Schizophrenie zusätzlich Depressionen diagnostiziert werden, können PsychiaterInnen DiGAs verordnen, die auf Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie basieren und den PatientInnen dabei helfen sollen, ihre Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit zu steigern (z.B. deprexis).[7] Andere DiGAs in diesem Bereich können von den NutzerInnen für die Dokumentierung des eigenen Therapiefortschritts genutzt werden: Sie erhalten auf diese Weise einen Überblick auf bereits erreichte Ziele sowie auf Auswertungen von durchgeführten Übungen und Aktivitäten, die von der DiGA vorgeschlagen wurden.7
Für leichte kognitive Beeinträchtigungen im Rahmen der Schizophrenie gibt es aktuell eine DiGa (NeuroNation Med), die ein personalisiertes kognitives Training mittels spielerischer Übungen sowie die Weitergabe von Gesundheitsinformationen anbietet. Letztere umfassen Informationen rund um das Thema Gehirngesundheit sowie Anleitungen zu Übungen zur geistigen und körperlichen Entspannung. Die App soll dabei helfen, die Symptome von leichten erworbenen oder neurodegenerativen kognitiven Beeinträchtigungen zu lindern.[8]
Denkbar ist auch der Gebrauch von DiGAs für somatische Komorbiditäten der Schizophrenie: So stehen für die Behandlung von Adipositas Grad I WHO (E66.00) und Grad II WHO (E66.01) bereits zwei DiGAs zur Verfügung: Beide sollen die PatientInnen dabei unterstützen, das gesundheitsrelevante Verhalten, vor allem die Ernährungsgewohnheiten, zu verändern, um eine langfristige, anhaltende Gewichtsreduktion zu erreichen.[9]
Jetzt verfügbar: Abilify Maintena® 960 mg für die Behandlung der Schizophrenie
Prof. Kuhn stellte neben den DiGAs auch neue Therapieoptionen im Bereich der Schizophrenie vor wie z. B. Abilify Maintena® 960 mg. Damit steht nun eine Aripiprazol-Depotformulierung zur Verfügung, die nur noch alle 2 Monate appliziert werden muss.[10] Das verlängerte Injektionsintervall könnte dazu beitragen, PatientInnen mit Schizophrenie zu entlasten und die Therapieakzeptanz zu erhöhen.
In der Zulassungsstudie zeigte Abilify Maintena® 960 mg über das zweimonatige Dosierungsintervall ähnliche Aripiprazol-Konzentrationen wie Abilify Maintena® 400 mg[11] und wies eine vergleichbare Wirksamkeit und Sicherheit/Verträglichkeit auf[12].* In seinem Vortrag ging Prof. Kuhn auch näher auf die Studiendaten ein. Mehr dazu erfahren Sie HIER [Vortrag Prof. Kuhn, Abschnitt zu den Studiendaten von AM 960 mg à ab 1:12:10]
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Fazit
DiGAs können einen unterstützenden Beitrag in der psychiatrischen Versorgung leisten. Es gibt bisher noch keine DiGA, die ausschließlich für die Schizophrenie-Therapie zugelassen ist. Jedoch können PatientInnen mit dieser Erkrankung bereits bezüglich einiger Symptomdomänen (z. B. Depression und kognitive Symptome) oder somatischer Komorbiditäten (z. B. Adipositas) von aktuell verfügbaren DiGAs profitieren.7,8,9
* Die Aussagekraft der offenen Studie unterliegt bestimmten Einschränkungen, wie der Bereitschaft, sich das Me-dikament applizieren zu lassen, die die Aussagen beeinflussen. Primäre Endpunkte betrafen den Vergleich der Sicherheit und Verträglichkeit von Aripiprazol 960 mg alle 2 Monate und Aripiprazol 400 mg einmal monatlich sowie den entsprechenden Vergleich der therapeutischen Plasmakonzentrationen. Sekundäre Endpunkte betrafen die Wirksamkeit. Das Studiendesign war nicht ausgelegt, um die statistische Signifikanz von Veränderungen gegen-über dem Ausgangswert bei den Wirksamkeitsmerkmalen zu zeigen.
Referenzen
[1] Schlieter H et al. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2024;67:107-114.
[2] https://hellobetter.de/aerzte-psychotherapeuten/diga-psychotherapie/ (Letzter Zugriff: 10.06.2024).
[3] Bericht des GKV-Spitzenverbandes über die Inanspruchnahme und Entwicklung der Versorgung mit Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA-Bericht). gemäß § 33a Absatz 6 SGB V
Berichtszeitraum: 01.09.2020–30.09.2023.
[4] https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis?category=%5B%2277%22%5D (Letzter Zugriff: 10.06.2024)
[5] https://www.diga-verzeichnis.de/digas?category=psychische_erkrankungen (Letzter Zugriff: 10.06.2024).
[6] https://classic.clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT05838625 (Letzter Zugriff: 10.06.2024).
[7] https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis?search=Depression (Letzter Zugriff: 10.06.2024).
[8] https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis/01113 (Letzter Zugriff: 10.06.2024).
[9] https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis?search=adipositas (Letzter Zugriff: 10.06.2024).
[10] Fachinformation Abilify Maintena® 960 mg, aktueller Stand.
[11] Harlin M et al CNS Drugs 2023;37:337-350.
[12] Citrome L et al. J Clin Psychiatry. 2023;84.
DE-AM2-2400195 DE-ASMT-0160