Let’s talk about Sex!
Im dritten Teil der Themenreihe „Schizophrenie und…“ beschäf-tigen wir uns damit, wie wichtig Partnerschaften für PatientInnen mit Schizophrenie sind und welche Belastungen sexuelle Probleme darstellen können. Denn für viele Menschen sind Liebe und Sexualität wichtige Bausteine für eine hohe Lebensqualität: Treten sexuelle Probleme auf, können diese das Wohlbefinden stören und das Führen und Pflegen von Partnerschaften erschweren. Psychische Erkrankungen wie die Schizophrenie können zur Entstehung solcher Probleme beitragen und somit die Sexualität und das Liebesleben der betroffenen PatientInnen zusätzlich beeinträchtigen.[1] Unter anderem kann die Auswahl eines passenden Antipsychotikums dabei helfen, Betroffene zu entlasten und ihre Lebensqualität hinsichtlich Sexualität und Partnerschaft zu verbessern.
Eine stabile Partnerschaft kann für viele Menschen – auch solche mit Schizophrenie – das Wohlbefinden steigern und eine wichtige Stütze im Leben sein. Darüber hinaus werden stabile partnerschaftliche Beziehungen zu den Faktoren gezählt, die mit einer guten Langzeitprognose der Schizophrenie assoziiert sind.[2] Partnerschaftliche Beziehungen können jedoch unter anderem durch sexuelle Probleme belastet sein. Gerade Menschen mit Schizophrenie leiden häufig an sexuellen Funktionsstörungen.[3] Die Ursachen dafür können vielfältig sein: Zum einen können sie durch die Erkrankung selbst ausgelöst werden, wobei Negativsymptome wie Apathie und Avolition sowie depressive Symptome eine wichtige Rolle spielen. Zum anderen können sie als Nebenwirkungen der antipsychotischen Therapie auftreten.1
Sexuelle Funktionsstörungen können über die Belastungen für die Partnerschaft hinaus die Lebensqualität der betroffenen PatientInnen einschränken. Wenn sie mit der antipsychotischen Therapie einhergehen, können sie zudem dazu führen, dass PatientInnen ihre Medikamente eigenhändig absetzen.[4] In der Schizophrenie-Therapie sollten daher sexuelle Funktionsstörungen stärker adressiert und frühzeitig behandelt werden: Helfen können hierbei eine regelmäßige Sexualanamnese (siehe Infokasten) sowie die Wahl eines Antipsychotikums mit einem vergleichsweise geringen Risiko für sexuelle Dysfunktionen.
Sexualanamnese
Bei der Sexualanamnese werden die Symptomatik und der Hintergrund sexueller Beschwerden systematisch exploriert.[5] Grundsätzlich sollte, da es sich um einen sehr sensiblen Lebensbereich der PatientInnen handelt, das Vertrauensverhältnis zur/zum BehandlerIn ungestört sein. Zu den wichtigen Grundregeln gehört unter anderem eine offene und klare Kommunikation, die Verwendung eines eindeutigen Vokabulars sowie eine möglichst genaue Erfassung der Sexualität bzw. der sexuellen Beschwerden.5
In Rahmen der Sexualanamnese sollte dabei unter anderem abgeklärt werden, wann und wo die sexuellen Beschwerden auftreten. Sinnvoll ist auch die Frage, ob die sexuellen Funktionsstörungen von einer bestimmten Situation oder dem/der PartnerIn abhängig sind oder nicht, ebenso wie nach dem Beginn bzw. der zeitlichen Dimension der Beschwerden. Dadurch können ggf. Hinweise auf den auslösenden Faktor (z. B. Medikation) geliefert werden.
Die Auswahl des Antipsychotikums kann entscheidend sein
Medikamenten-bedingte sexuelle Funktionsstörungen sind ein häufiges Problem bei PatientInnen mit Schizophrenie (Prävalenz von 45-80 % bei Männern und 30-80% bei Frauen).[6] Diese umfassen unter anderem ein vermindertes sexuelles Verlangen, erektile Dysfunktion und Priapismus (schmerzhafte Dauererektion des Penis), verminderte Lubrikation (bei Frauen) sowie Orgasmusstörungen.4 Wenn eine Medikamenten-bedingte Störung der Sexualfunktion vorliegt, können verschiedene Lösungswege in Betracht gezogen werden. Eine Möglichkeit ist die Reduzierung der Dosis: Hier besteht jedoch die Gefahr, dass die Wirksamkeit der Antipsychotika abgeschwächt wird und sich das Risiko für Rückfälle erhöht. Daher eignet sich diese Option nur in seltenen Fällen.[7]
Bei den meisten PatientInnen mit behandlungsbedingten sexuellen Funktionsstörungen lohnt sich vielmehr die Umstellung auf ein anderes Antipsychotikum.7 Infrage kommen dabei Antipsychotika, die mit einem geringeren Risiko für sexuelle Nebenwirkungen verbunden sind: Beispielsweise sind Aripiprazol, Quetiapin, Perphenazin und Ziprasidon mit geringeren Raten für sexuelle Dysfunktionen (16-27 %) assoziiert.[8] Vor allem die Einstellung auf Aripiprazol hat sich in mehreren Studien als erfolgreich erwiesen. Zu den Effekten gehören unter anderem:
In der Vergleichsstudie QUALIFY* konnte zudem festgestellt werden, dass Aripiprazol-Depot (Abilify Maintena®) im Vergleich zu Paliperidonpalmitat (PP) ein geringeres Risiko für eine Prolaktinerhöhung und sexuelle Dysfunktionen aufweist.[11] Letztere wurden zu Studienbeginn, in den Wochen 4, 8 und 16 sowie in Woche 28 oder bei der letzten Visite unter Anwendung der Arizona Sexual Experience Scale (ASEXC) erfasst. Die ASEX ist eine fünfstellige Skala, mit der Männer und Frauen ihre sexuellen Erfahrungen in der vergangenen Woche bewerten. Jedes Item wird von 1 bis 6 bewertet, so dass eine Gesamtpunktzahl von 5-30 erreicht werden kann, wobei höhere Punktzahlen auf eine größere sexuelle Funktionsstörung hinweisen. Während sich zu Studienbeginn die Raten sexueller Funktionsstörungen in beiden Behandlungsgruppen (Abilify Maintena® vs. PP) nicht signifikant unterschieden, berichteten in Woche 28 weniger PatientInnen Abilify Maintena® über sexuelle Dysfunktionen im Vergleich zu PP (37,9 % vs. 63,1 %).11 Zudem war der Anteil an PatientInnen, die in Woche 28 keine sexuellen Funktionsstörungen mehr hatten, in der Abilify Maintena®-Gruppe höher als in der PP-Gruppe (21,4 % vs. 11,9 %). Jüngere PatientInnen (≤ 35 Jahre) konnten besonders profitieren: in dieser Gruppe berichtete nur 16,1 % von sexuellen Dysfunktionen im Vergleich zu 70 % in der PP-Gruppe in Woche 28 (OR: 0,04 [95 %-KI: < 0,01-0,34], p = 0,0036).11 Bei den älteren PatientInnen (> 35 Jahre) war der Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen nicht signifikant (OR: 0,46 [95 %-KI: 0,20-1,07], p = 0,0725).
Die vorliegenden Daten zu Abilify Maintena® liefern Hinweise darauf, dass dieses Antipsychotikum mit einem vergleichsweise geringen Risiko für sexuelle Nebenwirkungen verbunden ist und somit einen Beitrag dazu liefern könnte, die PatientInnen in dieser Hinsicht zu entlasten und Partnerschaften zu stabilisieren. Ein Beispiel dafür aus der Praxis finden Sie in der untenstehenden Kasuistik.
Fazit:
Kasuistik
* QUALIFY: Eine 28-wöchige, randomisierte, offene, Auswerter-verblindete (hinsichtlich QLS, IAQ), direkte Vergleichsstudie von Abilify Maintena® 1 × monatlich und Paliperidonpalmitat 1 × monatlich. Nach dem Nachweis der Nicht-Unterlegenheit wurde auf Überlegenheit geprüft. Die Aussagekraft als offene Studie unterliegt bestimmten Einschränkungen. So kann die Bereitschaft, sich das Medikament applizieren zu lassen und das Wissen um die angewendete Behandlung die Aussagen beeinflussen. Bei sekundären Analysen sind Unterschiede zwischen den Studienarmen auf Signifikanz getestet worden. Die ermittelten p-Werte wurden nicht für multiples Testen adjustiert.
Referenzen
[1] Montejo AL et al. World Psychiatry 2018;17:3-11.
[2] Robert Koch-Institut. Schizophrenie. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. 2010. Heft 50. Berlin: Verlag Robert Koch-Institut.
[3] Dossenbach M et al. Int J Neuropsychopharmacol 2005;8:195-201.
[4] De Boer et al. Schizophrenia Bulletin 2015;41:674-86.
[5] April K. Neurologie & Psychiatrie 2015;6:47-50.
[6] Park YW et al. World J Mens Health 2012;30:153-159.
[7] Montejo AL et al. J Clin Med 2021;10:308.
[8] Serretti A, Chiesa A. Int Clin Psychopharmacol 2011;26:130-140.
[9] Montejo AL et al. Actas Esp Psiquiatr 2010;38:13‐21.
[10] Jeong HG et al. Int Clin Psychopharmacol 2012;27:177-183
[11] Potkin SG et al. Int Clin Psychopharmacol 2017;32:147‐154.
DE-ASMT-0086 DE-AM2-2400091