Das ewige Leid der Adhärenz – wer kennt es nicht. Die Patienten nehmen ihre Medikamente einfach nicht. Aber, Überraschung: Ärzte halten sich noch seltener an Arzneimittelrichtlinien. Wie kommt’s?
Man möchte meinen, dass Ärzte sich eher an Arzneimittelrichtlinien halten. Immerhin wissen sie am besten, wie man schnell wieder auf die Beine kommt. Allerdings zeigen aktuelle Studien, dass sich gerade Ärzte weniger an diese medizinischen Richtlinien halten. Auch, wenn man sie mit ähnlich gut ausgebildeten und ähnlich verdienenden Gruppen vergleicht. Woran liegt das – und was sagt das über die verschriebenen Behandlungen aus?
Nicht nur Ärzte halten sich weniger an medizinische Richtlinien, auch ihnen nahestehende Personen, wie Eltern, Partner oder Kinder. Das hat eine groß angelegte Studie, die in American Economic Review: Insights veröffentlicht wurde, jetzt herausgefunden. Diese Ergebnisse widersprechen bisher etablierten Hypothesen, dass wenn man die Instruktionen besser versteht, man auch eher gewillt wäre, diesen zu folgen.
„Es gibt die Befürchtung, dass Menschen, die Richtlinien nicht verstehen, diese nicht befolgen oder ihren Ärzten nicht vertrauen“, sagt Amy Finkelstein, Professorin am MIT Department of Economics und Hauptautorin der Studie. „Sollte das der Fall sein, sollten gerade Ärzte die Leitlinien besonders gut befolgen. Wir waren erstaunt, dass das Gegenteil der Fall ist: Ärzte und ihre nahen Verwandten halten sich seltener an ihre eigenen Medikationsrichtlinien.“
Die generelle Bevölkerung hielt sich in 54,4 % der Fälle an allgemeine Arzneimittelrichtlinien. Die Studie zeigt, dass sich Ärzte und deren nahe Angehörige um 3,8 Prozentpunkte seltener an die Richtlinien halten. Die Studie umfasst 5.887.471 Personen und deren Adhärenz zu 63 Leitlinien für verschreibungspflichtige Arzneimittel im Zeitraum von über einem Jahrzehnt. Dazu zählen 6 Antibiotika-Leitlinien, 20 der untersuchten Leitlinien betreffen ältere Menschen, 20 weitere betreffen bestimmte Diagnosen und 17 Leitlinien betreffen die Medikamenteneinnahme während einer Schwangerschaft. 149.399 der Versuchspersonen waren Ärzte oder deren enge Familienangehörige.
Das Forschungsteam versuchte, diese Frage zu klären und stieß dabei auf einige Thesen, die der Grund für die geringere Adhärenz sein könnten. Die Gruppe der Ärzte bildet eine Ausnahme in der Annahme, dass sozial bessergestellte Personen sich eher an medikamentöse Richtlinien halten. Die Studienautoren schreiben dazu: „Der Zugang zu Ärzten wird mit einer geringeren Adhärenz in Verbindung gebracht, und zwar trotz und nicht wegen des hohen sozioökonomischen Status.“
Eine weitere Überlegung war, ob der jeweilige gesundheitliche Status der Personen einen Einfluss auf ihre Adhärenz haben könnte, denn „vorhandene Erkenntnisse […] zeigen, dass Ärzte und ihre Familien tendenziell einen besseren Gesundheitszustand und gesündere Lebensweisen haben“. Aber die Forscher konnten auch hier keinen Zusammenhang feststellen. Ebenfalls konnte ausgeschlossen werden, dass eine Vertrautheit mit Arzneimitteln die Einnahme beeinflussen würde. Sowohl die Adhärenz, die von der Einnahme bestimmter Medikamente abriet als auch die, die zur Einnahme bestimmter Medikamente riet, wurden untersucht. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Vertrautheit oder der Zugang zu Arzneimitteln nicht der Grund für die negative Assoziation zwischen Adhärenz und Zugang zu Fachwissen ist“, so die Studienautoren.
Die größten Unterschiede in der Adhärenz gibt es bei Antibiotika. Ärzte und ihre nahen Angehörigen halten sich demnach um 5,2 Prozentpunkte seltener an die entsprechenden Arzneimittelrichtlinien. Dieser Unterschied könnte daran liegen, dass Ärzte wissen: Breitspektrumantibiotika sind oft wirksamer und führen schneller zum Ziel. Deswegen nehmen sie diese eher ein, auch wenn die Leitlinie zuerst eine gezieltere Variante vorschreibt. „Aus der Sicht der öffentlichen Gesundheit möchte man sie [die Infektion] mit einem Antibiotikum mit engem Wirkungsspektrum abtöten“, sagt Finkelstein. So minimiert man Antibiotikaresistenzen. Ärzte neigen aber auf Grund ihres Wissensstandes möglicherweise dazu, sich selbst und ihren Angehörigen direkt die zwar oftmals individuell wirksamere, aber für die öffentliche Gesundheit weniger ideale Variante zu verschreiben.
Aber was heißt das für die Patienten? „Vielleicht wäre es besser, wenn die Leitlinien transparent wären und sagen würden, dass sie dies nicht empfehlen, weil es [immer] die beste Vorgehensweise für den Patienten ist, sondern weil es das Beste für die Gesellschaft ist“, sagt Dr. Maria Polyakova, Assistenzprofessorin für Gesundheitspolitik an der Stanford University School of Medicine.
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