Deutschland wird immer älter – Kinder verschwinden zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung. Der Deutsche Ethikrat setzt sich nun dafür ein, ihrem körperlichen und psychischen Wohl mehr Beachtung zu schenken, nicht nur in Corona-Zeiten.
„Pandemie und psychische Gesundheit. Aufmerksamkeit, Beistand und Unterstützung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in und nach gesellschaftlichen Krisen“ – so heißt die Ad-hoc-Empfehlung, die heute vom Deutschen Ethikrat veröffentlich wurde. Es geht darin um die gesundheitliche Versorgungssituation von jungen Menschen in Deutschland. Und es geht darum, Versäumtes aufzuarbeiten. Denn die Vereinbarung von Infektionsschutz und Teilhabe sei während der Pandemie nicht gelungen, erklären die Mitglieder des Ethikrates bei einer Pressekonferenz in Berlin.
Unter dem Motto „Triff den Ethikrat! Unser Leben in der Pandemie“ hatten sie Ende September etwa 350 Schüler zu einem Austausch über ihre Erfahrungen getroffen. Dabei wurde deutlich, was auch wissenschaftliche Studien der letzten zwei Jahre belegen: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hatten infolge der Pandemie und der Infektionsschutzmaßnahmen große Belastungen zu tragen. Die psychischen Probleme, die sich in den jungen Generationen durch die aktuellen Krisensituationen entwickelt haben, müssten schnell und nachhaltig verbessert werden, fordern Prof. Alena Buyx, Prof. Petra Bahr und Prof. Stephan Rixen.
Ob die Handlungsempfehlungen nun eine Art Entschuldigung darstellen würden, fragt eine Journalistin. Es sei nicht zielführend, in diesem Kontext über Schuld zu sprechen, „auch Maßnahmen mit guter Absicht können schlechte Folgen haben“, so Buyx. Der Ethikrat habe zwar auch während der letzten Jahre auf die Situation von Kindern und Jugendlichen hingewiesen, nach rückblickender Einschätzung allerdings zu spät und nicht vehement genug. In der Pandemie hätten die Belange und Belastungen der jüngeren Generationen und insbesondere die Herausforderungen für ihre psychische Gesundheit in der gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmung und Gestaltung nicht ausreichend Beachtung erfahren. Dieses Versäumnis müsse nun zum Anlass genommen werden, künftig die Belange der Jüngeren stärker zu gewichten.
„Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dürfen in gesellschaftlichen Krisen nicht alleingelassen werden“, sagt Buyx. Verunsicherung und psychische Belastungen hätten in allen Altersgruppen zugenommen. Der jungen Generation sei große Solidarität abverlangt worden, so die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates weiter. „Aber diejenigen, die selbst in Notlagen gerieten, erhielten nicht zuverlässig die erforderliche Beachtung und Unterstützung.“ Das sei nicht nur auf die Schulschließungen zurückzuführen, hebt Bahr hervor. Schaue man auf andere Länder, so sei der Prozentsatz an psychischen Erkrankungen beispielsweise in Italien und Schweden gleich, obwohl Maßnahmen wie Schulschließungen dort in ganz unterschiedlichem Maße eingesetzt worden seien.
„Psychische Probleme blieben [während der Pandemie] zu lange im Hintergrund“, betont auch Rixen. Es herrsche ein akuter Mangel an Angeboten für eine zeitnahe Prävention, Beratung und Versorgung. „Die Defizite sind nochmal erheblich größer geworden. Wir brauchen eine gute und zielführende Versorgung.“ Der Zugang zu Hilfsangeboten müsse schneller und unkomplizierter werden. Hier sieht der Rat die Zuständigkeit bei den Schulen. „Wir brauchen konkrete Lösungen, wie das Defizit behoben werden soll.“ Trotz des Fachkräftemangels seien personelle Ressourcen schnell auszubauen.
Personen, die im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich tätig sind und somit kontinuierlich Alltagskontakte zu Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben, müssten im Hinblick auf die Prävention psychischer Belastungen und Erkrankungen spezifisch geschult werden, so eine Forderung des Ethikrates. Auch muss mehr therapeutisches Personal gewonnen und die zielgerichtete Verteilung vorhandenen Ressourcen garantiert werden. „Dabei ist besonders darauf zu achten, dass es nicht zu einer Verzerrung zu Ungunsten ohnehin sozial benachteiligter junger Menschen kommt, etwa durch einen Mangel an Therapieplätzen vor allem für gesetzlich Versicherte“, schreibt der Rat in seiner Empfehlung.
Es sei regional zu prüfen, ob die ambulante therapeutische Versorgung gesetzlich versicherter Patienten weiter ausgebaut werden müsse. Auch müssten vorhandene Angebote besser verknüpft werden. „Nur eine ausreichend zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich ausbalancierte Versorgung vermag eine durch die Chronifizierung psychischer Leiden bedingte Hospitalisierung zu vermeiden.“ Ein weiterer Punkt: Die Forschung zu Folgen von Maßnahmen zur Bewältigung gesellschaftlicher Krisen (nicht nur von Pandemien) müsse gefördert werden, da eine evidenzbasierte Versorgung „nicht vom Himmel falle“. Die Politik sei hier am Zug.
„Die junge Generation wurde immer um Solidarität gebeten und hat diese auch gezeigt – teilweise auf sehr kreative Art und Weise. Nun kann man im Gegenzug keine Solidarität der Älteren einfordern, aber fehlt diese gänzlich, führt das zu einem latenten Konflikt zwischen den Generationen“, so Bahr. Kinder und Jugendliche würden mittlerweile zu einer Minderheit in Deutschland gehören, deshalb müsse das Thema Generationengerechtigkeit immer mehr in den Fokus rücken.
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„Wir schulden als Gesellschaft Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht nur Dank und Respekt, sondern konkretes Handeln“, sagt Buyx.
Zur Ad-hoc-Empfehlung des Deutschen Ethikrates kommt ihr hier.
Bildquelle: Artem Kniaz, unsplash