Zu jedem neuen Gerät gibt’s eine Gebrauchsanweisung – es soll ja lange halten. Aber was ist eigentlich mit unserem Körper? Meine persönliche Kurz-Anleitung für ein gesundes und (hoffentlich) langes Leben.
Kennt ihr das? Egal, was ihr heutzutage kauft, es gibt irgendeine Art von Gebrauchsanweisung. Egal ob Auto oder Rührschüssel. Das heißt nicht, dass man sie immer liest – aber grundsätzlich wird die Information zur Verfügung gestellt. Was ja auch sinnvoll ist, damit man weiß, wie man mit den Dingen umgeht. Gerade bei Dingen, die sehr wertvoll sind und lange halten sollen.
Bei unserem Körper ist das nicht so. Den bekommen wir frei Haus und letztlich liegt es an uns, ob wir uns mit ihm beschäftigen – wie er möglichst lange hält und gut in Schuss bleibt. Das ist doch heller Wahnsinn, finde ich: Es wird darauf geachtet, dass das Auto bitte irgendeinen Premium-Sprit erhält, aber was man in seinen Körper reinpackt, ist irrelevant. Und niemand käme auf die Idee, mit dem neuen Auto erstmal eine Runde offroad zu fahren, wenn es nicht gerade ein Geländewagen ist. Nein – da wird scheckheftgepflegt, da wird geputzt, das Auto wird gut in der Garage gelagert und so weiter.
Warum ist unser Körper uns denn so viel weniger wert? Wahrscheinlich, weil er immer schon da war und zu dem Zeitpunkt, wo man das erste Mal ernsthaft über ihn nachdenkt, besitzt man ihn schon seit mindestens 15–30 Jahren.
Warum diese riesige Zeitspanne? Einige Jugendliche sind durchaus sehr körperbewusst, bis hin zu einer fast schon übersteigert anmutenden Selbstbeobachtung. Vor Kurzem kam eine junge Frau (mit ihrer Mutter) zu mir, die an sich beobachtet hatte, dass sie sich mit 16 Jahren vermehrt von den Eltern abgrenze und weniger Interesse an gemeinsamen Aktivitäten habe. Keine Freudlosigkeit, keine Schlafstörungen, einfach ein anderes Verhältnis zu den Eltern, eine Umorientierung nach außen. Sie befürchtete eine Depression, schien aber eher erleichtert, als ich ihr erklärte, dass wir zwar einmalig ein Labor zum Ausschluss einer organischen Erkrankung machen könnten, aber ich das, was sie beschreibt, eigentlich als normale pubertäre Entwicklung sehen würde.
Bei vielen anderen kommt erst später, manchmal auch erst so mit 35–45 Jahren, der Punkt, an dem sie bemerken, dass ihr Körper einfach nicht mehr alles mitmacht, was man ihm so zumuten möchte. Ein Klassiker ist das Thema Rücken. Meine Kollegin sagt immer, dass man mit dem Rücken meistens so ca. 30–35 Jahre alt werden kann ohne Probleme, aber dann muss man spätestens was tun, sonst drohen Rückenschmerzen. Oder, frei nach einem Artikel im Spiegel vor ein paar Jahren: „Bei Rücken hilft nur Muskel.“
Leider rennt man ab diesem Punkt den Problemen nur noch hinterher. Deswegen würde ich mir oft wünschen, dass das Thema Körper schon in jüngeren Jahren mal so aufbereitet würde, dass die Kinder (und ihre Eltern) eine grobe Gebrauchsanweisung bekommen. Aber da wären wir wahrscheinlich auch schon beim Problem des Curriculums einer solchen Anweisung. Denn was gibt es inzwischen nicht schon alles an Ratgebern, was für uns Menschen artgerecht sei, ob man sich oder sein Kind vegan/laktosefrei/glutenfrei ernähren soll, zum Beispiel. Das ist dann auch nicht zielführend, weil es komplette Verwirrung schafft.
Deswegen mal hier ein Versuch einer Kurz-Anleitung (die gerne auch in den Kommentaren ergänzt werden darf). Aber ich möchte es, wenn möglich, gern so halten, dass es kein Roman wird (den man eh nicht liest – „es läuft doch“), es einigermaßen praktikabel ist, und nicht jedes Detail zerregelt (und halbwegs wissenschaftlich fundiert ist).
Es zeigt sich immer stärker, wie wichtig unsere Ernährung für den Organismus ist. Sie ist einfach der Treibstoff, mit dem wir laufen. Während aber bei Auto-Treibstoffen bis ins letzte Detail geregelt ist, was drin sein darf, sind wir mit unserer Ernährung noch recht weit davon entfernt. Obwohl sich zunehmend zeigt, dass hochverarbeitete Lebensmittel absolut nichts sind, was wir uns selbst in den Tank füllen sollten. Denn sie enthalten in den meisten Fällen zu wenige Ballaststoffe, viel Zucker und viele Zusatzstoffe. Ja, wie immer gilt: Studien können nur Korrelationen, keine Kausalitäten zeigen. Aber mal ganz ehrlich – da eine Studie, die wirklich nachweisen könnte, dass eine zucker-/zusatzstoffreiche Ernährung der Gesundheit schadet, nie durch eine Ethik-Kommission gehen würde, ist das hinfällig.
Ich glaube, dass niemand bestreiten würde, dass die obigen Ernährungsempfehlungen einer gesunden Ernährung entsprechen. Ja, ich habe bewusst das Thema Milchprodukte und Fleisch/Fisch ausgeklammert – denn da steckt so viel Zündstoff drin, dass dann nur noch über diesen Aspekt diskutiert würde. Wenn mich ein Patient explizit danach fragt, sage ich immer, dass ich ein Fan von Sonntagsbraten oder ähnlichem bin. Es muss nicht komplett vegetarisch/tierfrei sein, aber lieber dann nur einmal in der Woche und mit Genuss und hochwertigen Produkten (und bitte gut kauen, wie ich es hier beschrieben habe).
Ich finde es traurig, zu sehen, dass der natürliche Bewegungsdrang, den die meisten Kinder mitbringen, oft in Rumsitzen mit elektronischem Gerät versandet. Der Körper braucht Bewegung (soweit ich weiß, ist nur in der Garage stehen auch für Autos nicht sooo toll, um mal bei dem Beispiel zu bleiben). Und: Wir haben zu lange den Wert von Ausdauertraining betont, ohne die Themen Rücken/Oberkörper im Blick zu behalten. Das rächt sich jetzt mit den ganzen Rückenpatienten, die zwar Joggen gehen, aber keine Oberkörpermuskulatur haben, um sich selbst dabei aufrecht zu halten. Nein, ich habe keinen bevorzugten Sport. Was Spaß macht und bewegt, finde ich grundsätzlich ok – ob nun Schwimmen, Tanzen oder Kampfsport (oder die 1.000 anderen Sportarten, die ich noch nicht erwähnt habe).
Warum habe ich zusätzlich die netten Menschen genannt? Gerade Sport fällt oft leichter, wenn man zu zweit ist – Sozialkontakte sind auch gut für die seelische Widerstandskraft. Und warum dann nicht beides miteinander verbinden? Nein – das soll kein Stress und kein Wettbewerb sein (außer, man möchte das). Aber ich glaube, dass wir dank Smartphones aktuell sozial verarmen. Womit wir beim nächsten Thema wären.
Sozialkontakte sind wichtig für uns, aber es haben sich in den letzten Jahrzehnten einige Verschiebungen ergeben. Immer mehr Menschen wohnen in dicht besiedelten Städten und weniger auf dem Dorf. Und diese Urbanisierung erhöht offenbar das Risiko für psychische Erkrankungen. Dabei wird deutlich, wie wichtig Freunde sind. Was ich in dem Zusammenhang auch schwierig finde: Es gibt (selbst auf dem Land) immer häufiger keine direkten Sozialkontakte, sondern wir lesen, was andere geschrieben haben. SMS, WhatsApp, Twitter. Wir können dadurch mit immer MEHR Menschen in Kontakt treten, aber diesen Kontakten fehlen diverse Dimensionen, die der direkte Kontakt hat: Stimme, Körpersprache und Körperkontakt.
Das lässt mich vermuten (nein, keine wissenschaftliche Studie dazu), dass das auch eher die psychische Gesundheit schwächt (hier ein Buchtipp zu dem Thema).
Schlafstörungen nehmen zu, der innere Druck, den viele Menschen erleben, auch (sicherlich auch pandemiebedingt). Als ein Grund z. B. für Schlafstörungen wird häufig die Überreizung, speziell durch soziale Medien angeführt, wobei diese andererseits manchmal die einzige Möglichkeit sind, mit anderen Kontakt zu halten (siehe oben).
Mein Plädoyer: Bewusste Pausen für die ganzen Reize – Smartphone, Computer, Fernsehen. Am besten wirklich raus in die Natur, z. B. zum Waldbaden, wie es so schön heißt.
So, das war meine kurze Anleitung zum Leben – sicher nicht allumfassend und auf jeden Fall ergänzungsfähig, aber ich denke, das sind schon ein paar Grundlagen, auf die man sich hoffentlich einigen kann. Und die meiner persönlichen Meinung nach manchmal wichtiger wären, als das Liebesleben der gemeinen Fruchtfliege Drosophila melanogaster oder andere Dinge, die man im Biologieunterricht durchnimmt. Diese Dinge sind sicherlich akademisch auch von Wert, aber man sollte als Gesellschaft dann doch eine gewisse Priorisierung haben.
Denn aktuell ist dieses Zitat von Voltaire erschreckend zutreffend: „Während der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir die Gesundheit, um Geld zu erwerben, während der anderen das Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen. Und während dieser Zeit gehen Gesundheit und Leben von dannen.“
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