Die Genitalbeschneidung von Mädchen und Frauen ist ein schwerer Eingriff in die Gesundheit der Betroffenen und führt oft zu lebenslangen Beschwerden. Wie ist die Lage und Deutschland und wie kann man behandeln?
In Deutschland hat sich die Anzahl der bekannten Beschneidungs-Fälle in den vergangenen Jahren mehr als verdreifacht. Umso wichtiger ist es, Aufklärungsarbeit zu leisten, damit den Betroffenen medizinisch geholfen werden kann.
Bei der menschenrechtswidrigen Beschneidung von Mädchen und Frauen werden die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane, also die Klitorisspitze, die Klitorisvorhaut, sowie die inneren und äußeren Vulvalippen, teilweise oder komplett entfernt. Zudem wird der Scheideneingang unvollständig verschlossen. „Aus medizinischer Perspektive sprechen wir deshalb von einer Amputation, die meist im Kindes- und Jugendalter ohne Betäubung und mit unsterilen, nicht medizinischen Schneidgegenständen – wie zum Beispiel Rasierklingen, Glasscherben oder scharfkantigen Steinen – durchgeführt wird“, erklärt Dr. Dan mon O’Dey. Der Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie hat sich auf die anatomische Rekonstruktion der äußeren weiblichen Genitalien spezialisiert.
Die weibliche Beschneidung, die aus kulturellen Gründen insbesondere in vielen afrikanischen, aber auch in einigen arabischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern praktiziert wird, verursacht unmittelbar und in der Folge zahlreiche gesundheitliche Beeinträchtigungen, unter denen die Betroffenen ein Leben lang körperlich und seelisch leiden.
Durch die Entfernung der Klitorisspitze ist das sexuelle Empfinden stark beeinträchtigt. Während hormoneller Veränderungen, wie etwa der Monatsblutung, entstehen sowohl schmerzhafte Druckspannungen am Klitorisstumpf als auch im Bereich des durch die Amputation entstandenen Narbengewebes. Aber auch beim Geschlechtsverkehr treten Schmerzen auf, oder es kommt zu Problemen beim Urinieren. Wenn die Beschneidung den Scheideneingang massiv verengt hat, hat das zudem negative Auswirkungen auf den Geburtsvorgang. Hinzu kommen psychische Belastungen, ausgelöst durch das traumatische Erlebnis der Beschneidung.
Heute können die organischen Beschwerden der betroffenen Frauen durch geeignete operative Verfahren erfolgreich gelindert werden. Die Therapien reichen von einer Wiedereröffnung des Scheideneingangs, der Defibulation, bis hin zu komplexen plastisch-rekonstruktiven Operationen, mit denen die Anatomie der äußeren weiblichen Genitalien wiederhergestellt werden kann. „Neben der Defibulation kann auch die vergleichsweise einfache Bergung des Klitorisstumpfes zwar zur Linderung der Beschwerden beitragen, eine anatomische Rekonstruktion mit Normalisierung der genitalen Form und Funktion bringen diese Verfahren allerdings nicht“, erläutert O’Dey, Chefarzt am Aachener Luisenhospital.
Anders ist das bei Rekonstruktion mit körpereigenem Gewebe und der Neurotisierung, bei der Nervenendigungen des Klitorisorgans durch ein mikrochirurgisches Verfahren wieder in eine neu geformte Klitorisspitze integriert werden. Frauen können dadurch ihre klitorale Empfindungsfähigkeit sowie ihr entsprechendes sexuelles Lustempfinden bis hin zur Orgasmusfähigkeit zurückgewinnen.
Kulturelle und familiäre Zwänge erschweren den betroffenen Frauen jedoch oft den Zugang zu medizinischer Hilfe. Vielen fehlt es auch an Wissen und Informationen zum eigenen Beschwerdebild. Deshalb ist Aufklärungsarbeit so wichtig – idealerweise in verschiedenen Sprachen, damit Frauen aus allen betroffenen Kulturkreisen erreicht werden können. „Aber auch bei der Ausbildung junger Mediziner müssen wir ansetzen“, erklärt O’Dey. „Medizinstudierende müssen für die Anatomie des weiblichen Genitals und für das Thema der weiblichen Genitalbeschneidung sensibilisiert werden, lernen, welche anatomischen Strukturen dabei beschädigt werden und wissen, wie den Betroffenen operativ geholfen werden kann.“
Mehr Infos zu den verschiedenen Typen der Genitalbeschneidung sowie deren operativen Behandlungsmethoden findet ihr hier.
Dieser Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von Thieme.
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