Die USA sind für ihre hohe Diabetes-Prävalenz berüchtigt. Eine aktuelle Studie gibt zeigt aber: Wenigstens die Zahl undiagnostizierter Fälle könnte deutlich niedriger sein als bisher angenommen.
Diabetes gilt weltweit als eine der größten Belastungen für die öffentliche Gesundheit. In den USA sind etwa 14 % der erwachsenen US-Bevölkerung und mehr als ein Viertel der über 65-Jährigen betroffen. Die Prävalenz von Diabetes hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen, was zum Teil auf die Epidemie der Fettleibigkeit zurückzuführen ist – nicht nur in den USA, auch in Deutschland.
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC schätzte in ihrem Nationalen Diabetes-Statistikbericht 2020, dass etwa 2,8 % der Bevölkerung über 18 Jahren, d. h. rund sieben Millionen Amerikaner, an einem nicht diagnostiziertem Diabetes leiden. Dies würde etwa 22 % der gesamten Diabetesbelastung entsprechen.
Die Schätzungen dieses Berichts basieren dabei auf nationalen Umfragedaten und auf einem einzigen Bluttestergebnis, welches einen erhöhten Blutzuckerwert anzeigt. Ärzte diagnostizieren Diabetes allerdings in der Regel erst, nachdem das erhöhte Testergebnis bestätigt wurde, um falsch positive Diagnose zu verringern. Klinische Leitlinien empfehlen, dass ein anfängliches erhöhtes Ergebnis beim Standard-Nüchternglukosetest durch einen HbA1c-Test oder einen zweiten Nüchternglukosetest einige Wochen später bestätigt wird.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die tatsächliche Zahl viel niedriger ist und dass die Anbieter in den USA bei der Diabetesvorsorge und -diagnose insgesamt gute Arbeit leisten“, sagt Elizabeth Selvin, Professorin für Epidemiologie an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health und Hauptautorin einer Studie, die versuchte die Prävalenz von undiagnostiziertem Diabetes besser abzuschätzen.
In ihrer neuen Studie wendeten die Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health ein ähnliches Zwei-Tests-Kriterium auf Bluttestergebnisse aus den National Health and Nutrition Examination Surveys der CDC an. Diese Erhebungen kombinieren Befragungen und Untersuchungen von national repräsentativen Stichproben von Erwachsenen in den USA und werden seit mehreren Jahrzehnten durchgeführt. Das Forschungsteam stützte sich auf Umfrageergebnisse von insgesamt 30.492 Personen aus dem Zeitraum von 1988 – 2020.
Die Forscher betrachteten Personen in der Umfrage als Personen mit „bestätigtem, nicht diagnostiziertem Diabetes“, wenn sie keine Diabetesdiagnose hatten, ihre Testergebnisse jedoch erhöhte Werte sowohl beim Nüchternblutzucker, als auch beim HbA1c-Test enthielten.
Die Forscher fanden heraus, dass die Anzahl der Personen in dieser Kategorie für den neuesten Datensatz (2017–2020) auf eine nationale Prävalenz von nur 1,23 Prozent hindeutet – weniger als die Hälfte der jüngsten Schätzung der CDC, die auf einzelnen Testergebnissen basiert. Dies entspräche nur etwa 9,5 Prozent der gesamten Diabetesprävalenz. Diese konservativere Schätzung der nicht diagnostizierten Diabetesprävalenz ist seit 1988 im Wesentlichen unverändert geblieben.
Im Gegensatz dazu deuten die Ergebnisse allerdings darauf hin, dass die diagnostizierte Diabetesprävalenz in den USA stark angestiegen ist: Von 4,6 % der Bevölkerung im Erhebungszeitraum 1988–1994 auf 11,7 % im Zeitraum 2017-2020, was 90,5 % der gesamten Diabetesprävalenz im Land entspricht. Der Anstieg der Diabetesbelastung in den USA in den letzten Jahrzehnten ist also im Wesentlichen auf die Zunahme der diagnostizierten Fälle zurückzuführen.
Auch wenn insgesamt von den Versorgern eine gute Arbeit geleistet würde, kritisiert Selvin: „Dennoch ist die Zahl der nicht diagnostizierten Diabetiker in einigen Untergruppen nach wie vor hoch, was darauf hindeutet, dass es noch einen langen Weg zu gehen gilt.“
Die Analyse ergab, dass ältere und fettleibige Erwachsenen, ethnische Minderheiten (insbesondere bei mexikanischen und asiatischen Amerikanern) und Personen ohne Zugang zur Gesundheitsversorgung deutlich öfter nicht diagnostiziert wurden. Bei Personen, bei denen der letzte Arztbesuch mehr als ein Jahr zurücklag, war die geschätzte Prävalenz eines bestätigten, nicht diagnostizierten Diabetes ebenfalls hoch.
„Es ist wirklich besorgniserregend, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen vom Gesundheitssystem übersehen werden. Dies ist wahrscheinlich ein Hauptgrund dafür, dass die Zahl der nicht diagnostizierten Diabetiker in diesen Gruppen nach wie vor hoch ist“, sagt Dr. Michael Fang, Assistenzprofessor in der Abteilung für Epidemiologie an der Bloomberg School und Erstautor der Studie.
Abschließend stellt Fang fest: „Traditionelle Methoden scheinen die große Mehrheit der Erwachsenen mit nicht diagnostiziertem Diabetes erfasst zu haben.“ Die Bevölkerungsgruppen mit nicht diagnostiziertem Diabetes seien möglicherweise schwerer zu erreichen. „Möglicherweise sind auf diese Gruppen ausgerichtete Screening-Maßnahmen erforderlich.“Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Johns Hopkins University Bloomberg School of Public Health. Die Originalpublikation haben wir euch hier und im Text verlinkt.
Bildquelle: Jon Tyson, unsplash.