Jeder braucht mal Urlaub, auch die werten Kollegen – und wir dürfen dann vertreten. Aber ohne Infos über die fremden Patienten wird die Sprechstunde schnell zum Rätselraten.
Es ist mal wieder so weit – die Kollegen aus den anderen Praxen sind im wohlverdienten Sommerurlaub und wir dürfen vertreten. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Vertretungen. Sie zählen zwar definitiv nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, aber gehören zum Alltag. Was mich am meisten stört, ist das Fehlen wichtiger Informationen.
Die Patienten unserer Praxis kenne ich bzw. kann mir notwendige Infos – wie letztes Labor, Medikationsplan, etc. – mit einigen wenigen Klicks direkt aus der Praxissoftware holen. Selbst wenn der Patient normalerweise zu einem der Kollegen geht, habe ich die meisten Eckpunkte schnell parat. Natürlich hilft da eine ordentliche Dokumentation sehr, aber das läuft insgesamt recht gut bei uns.
Bei Vertretungspatienten anderer Praxen ist es deutlich komplizierter: Vorerkrankungen? „Ich hab irgendwas am Herzen und nehme dafür auch Medikamente.“ Was denn? „Irgendwas von Hexal/Ratiopharm“ oder der Klassiker: „Diese kleinen, weißen.“ Manche Medikamente kann man an der Milligramm-Zahl erraten – ich glaube, nur Metoprolol hat 47,5 mg. Oder bei uns die Hausapotheke anrufen. Doch das kostet fürchterlich viel Zeit.
Auch Arztbriefe anderer Fachrichtungen liegen in den seltensten Fällen vor. Ein Beispiel von vor zwei Wochen: Ein Patient kommt zu uns zum „Verbandswechsel“. Er habe seit Monaten ein offenes Bein, sei auch schon vor zwei Wochen gefäßchirurgisch gesehen worden, aber es heile einfach nicht. „Gefäßchirurgisch“ kann alles sein.
Liegt vielleicht eine pAVK vor, sodass eine Kontraindikation für Kompressionsbehandlung besteht? Meiner Erfahrung nach heilen solche Ulcera nämlich mit Kompression viel besser ab. Antwort des Patienten: „Weiß ich nicht.“ Fußpulse sind eher schwach tastbar – sicher auch wegen des leichten Beinödems –, aber jetzt noch Dopplerverschlussdrücke machen in der laufenden Sprechstunde? Das dauert schon eine Weile. Und unsere MFAs sind urlaubsbedingt auch unterbesetzt.
Es nervt: Man weiß, dass diese Untersuchung garantiert in der Gefäßchirurgie schon gemacht wurde, aber nur der Befund fehlt. Der ließ sich auch telefonisch nicht erfragen – der Brief sei noch nicht fertig. Also nochmal untersuchen? Völlig unnütz – weil es eine Doppel-Untersuchung ist –, aber doch wichtig für mich zur Entscheidung der Therapie.
Gepriesen seien die Kollegen, die den Patienten die wichtigsten Unterlagen mitgeben, damit der Vertretungsarzt direkt alles hat. Das kommt manchmal bei Urlaubern in unserer Region vor, die dann alles dabeihaben. Bei den regionalen (Standard-)Patienten leider so gut wie nie.
Aber nun soll die EPA kommen: die elektronische Patientenakte. Wie oft habe ich mir so etwas gewünscht. Sowohl früher im Krankenhaus in der Notaufnahme als auch jetzt. Einfach den Befund anklicken und schon weiß man, was bisher gelaufen ist – wenn das so einfach wäre.
Wie das technisch genau laufen soll, ist mir immer noch nicht klar. Angeblich soll das Ganze „sicher in der Cloud“ gespeichert sein. Und ich soll dann als Arzt mit meiner Praxissoftware darauf zurückgreifen können, wenn der Patient mir Zugriff gewährt. Wie das aussehen soll, habe ich noch nicht ganz verstanden. PIN? Bei einigen unserer älteren Patienten schwer vorstellbar – und in Notfallsituationen ganz schwierig und gerade dann ist die Information eben am interessantesten. Biometrische Daten wie Fingerabdruck? Auch da: Wenn dann Angehörige kommen, weil Medikamente fehlen – und wir auch gern auf Wechselwirkungen checken wollen –, wird es wieder schwierig.
Und dann bleibt da noch das miese Gefühl mit der Cloud-Speicherung, zumindest bei mir. Ich frag mich oft, ob ich da einfach zu paranoid bin, wenn ich mich unwohl damit fühle, sensible Daten im Netz zu speichern. „Nein, das ist bestimmt ganz sicher“ heißt es dann – das sei alles von den Krankenkassen garantiert. Zum Thema „garantierte Sicherheit“ gab es ja erst neulich auch wieder eine interessante Episode.
Was soll ich dazu jetzt sagen? Demnächst bin ich als Chefin für die Datensicherheit komplett verantwortlich. Eigentlich möchte ich deswegen möglichst wenig Kontakt zwischen meiner Praxissoftware und dem Internet haben. Und dann soll ich jetzt immer wieder auf diese Clouds zurückgreifen müssen, weil da die EPAs lagern? Das erscheint mir doch irgendwie widersinnig.
Ich bin gespannt, wie lange der Chaos Computer Club braucht, bis er die ersten EPAs geknackt hat – schon passiert. Oder bis die erste Cloud mit Ransomware verseucht ist. Das macht mir schon etwas Sorge.
Aber bis das technisch alles läuft, wird es eh noch dauern. Also darf ich noch ein bisschen „Old School“ vertreten. Ohne EPA, ohne Cloud und dafür auch meistens ohne ausreichende Informationen.
Bildquelle: Sander Sammy, Unsplash