Wir sollten uns am Riemen reißen und endlich mal zusammenarbeiten. Was damit alles möglich wäre, zeigt eine Allianz aus Ärzten und Apothekern mit einem Brandbrief.
Im Gegensatz zu den großen Verbänden, bei denen zurzeit die pharmazeutischen Dienstleistungen auf der einen und die Dispensierung antiviraler Medikamente auf der anderen Seite die Zankäpfel sind, zeigt der Verein Freie Apothekerschaft und die Interessengemeinschaft Medizin (IG Med), wie gut es funktionieren kann, wenn man sich zusammentut. Gemeinsam wurde ein Brandbrief an Karl Lauterbach und die Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages abgeschickt, in dem eine „neue Geschlossenheit der Gesundheitsberufe” durch die Allianz betont wird. Beide Seiten hoffen hier, gemeinsam mehr erreichen zu können als alleine. Die Betreffzeile lautet: „Unser Gesundheitswesen steht inzwischen im Vollbrand”.
Worum geht es in diesem Brandbrief? Er ist nicht nur die Antwort auf die kürzlich bekannt gewordenen Sparpläne des Gesundheitsministeriums, die Ärzte wie auch Apotheker zu Protesten animiert haben, sondern geht in seinen Forderungen noch darüber hinaus.
Während sich die ABDA bei ihrer Kritik am BMG vor allem an den aktuellen Entwicklungen abarbeitet, die die Vorsitzende Gabriele Overwiening auch zurecht als „versorgungs- und patientenfeindlich” bezeichnet, empfindet die Allianz aus Ärzten und Apothekern die komplette Entwicklung der vergangenen 20 Jahre als ungerecht. Viele Apotheken und Arztpraxen seien vor allem durch Regresse und Retaxationen von Verordnungen „regelrecht ausgeblutet” worden.
Der Zusammenschluss der Schwesternberufe kam laut Vorsitzender der Freien Apotheker – Daniela Hänel – aufgrund von Kontakten zustande, die bei einer Facebook-Gruppe zur Berufspolitik geknüpft wurden. So war beiden Seiten schnell klar, dass sie besser mit- als gegeneinander arbeiten sollten, damit sich in der Gesundheitspolitik etwas ändert. Direkt angegriffen werden im Brandbrief die gemeinsame Selbstverwaltung, welche die Wirtschaftlichkeit der Verordnungen in den Arztpraxen prüft und bei Bedarf Gelder zurückfordert, sowie die Nullretax-Politik der Krankenkassen, die dafür sorgt, dass den Apotheken bei Formfehlern auf dem Rezept die Kosten für das rechtmäßig verordnete Medikament nicht erstattet werden.
Zusätzlich moniert wird, dass die Rückforderungen häufig so spät eintreffen, dass die Regresssummen bei den Verordnungen von Chronikern über mehrere Quartale von den Kassen aufgerufen werden, ohne dass für die beteiligten Ärzte oder Apotheker noch eine Änderungsmöglichkeit besteht. Sie müssen in Kauf nehmen, dass beispielsweise eine Rezeptur, die abgelehnt wird, rückwirkend für die vergangenen zwei Jahre retaxiert wird. Das kann – je nachdem, wie teuer das Medikament oder die Rezeptur ist – schnell existenzbedrohend werden, oder die zwangsweise Kündigung von Personal nach sich ziehen, das nicht mehr bezahlt werden kann.
Die Gemeinschaft aus Ärzten und Apothekern weist die Verantwortlichen im Gesundheitssektor zudem darauf hin, dass die Krankenkassen durch die in unbekannter Höhe geschlossenen Rabattverträge mit den Herstellerfirmen enorme Gelder einsparen, die natürlich bei Regressen nicht verrechnet werden. Kostet ein Medikament beispielsweise 100 Euro und die Kasse spart durch die Verträge 90 Euro – was nicht selten vorkommt – wird sie trotzdem die 100 Euro von der abgebenden Apotheke verlangen, wenn sich ein Formfehler auf dem Rezept befindet. Es wird auch der komplette Preis des Medikaments von den Apotheken verlangt, obwohl diese den Einkaufspreis beim Großhandel ja bereits in voller Höhe bezahlt hat.
Wer übrigens der Meinung ist, dass eine Einsparung von 90 % unrealistisch ist, dem sei an dieser Stelle die Datenpanne in Erinnerung gerufen, die vor nicht allzu langer Zeit bei der AOK zur unfreiwilligen Veröffentlichung der Rabatte der indischen Herstellerfirma Glenmark geführt hatte.
Die Krankenkasse hatte versehentlich die durch den Hersteller eingeräumten Rabatte an dessen Konkurrenz weitergeschickt, was dann öffentlich bekannt wurde. Dabei wurde offenbar, dass die AOK von Glenmark bis zu 99 % Rabatte auf den Arzneimittelpreis eingeräumt bekommt. Theoretisch ist es auf diese Weise also möglich, dass eine Krankenkasse mehrfach am gleichen Medikament verdient. Die Freie Apothekerschaft und die IG Med machen darauf aufmerksam, dass es bislang nicht überprüft werden kann, ob die Kassen vielleicht für ein und dasselbe Medikament eine Regressforderung an den Arzt stellen – vielleicht aufgrund eines unpassenden Diagnoseschlüssels – und sich zusätzlich noch die Kosten in voller Höhe, also ohne Abzug des Rabattes, von den Apotheken holt, wenn ein Formfehler auf der Verordnung vorliegt – beispielsweise, wenn ein „DJ” auf der Verordnung vergessen wurde.
Die Forderungen an die Politik durch die Allianz der Schwesternberufe hat Hänel in einem Interview mit dem Ärztenachrichtendienst zusammengefasst. Gefordert werden Strukturreformen wie:
Selbst wenn die Forderungen in der Gesundheitspolitik noch auf taube Ohren stoßen, ein Anfang ist gemacht. Diese Art der Zusammenarbeit ist sicherlich zielführender, als das gegeneinander wettern, das in den vergangenen Wochen leider immer wieder zu hören war. Divide et impera, teile und herrsche. Unfrieden unter denen zu stiften, die man beherrschen will, ist ein Prinzip, das in der altrömischen Außenpolitik häufig zum Erfolg geführt hat und das sich auch hierzulande immer wieder großer Beliebtheit unter den Politikern erfreut. Ärzte und Apotheker sollten darauf nicht hereinfallen. Diese Allianz hat es verstanden – Chapeau!
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