Im Rahmen einer Lebendspende haben Sicherheit und Gesundheit der Organspender*innen die höchste Priorität, und es gelten strenge Voraussetzungen, um diese zu gewährleisten.1 Um diesen besonderen Schutz zu garantieren, sollten die körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen von Organlebendspender*innen in der präoperativen Evaluation und in der postoperativen Nachsorge erfasst und anschließend behandelt werden.1 Zur rechtlichen Lage in Deutschland sowie Ursachen für eine erhöhte Belastung vor und nach der Operation informieren wir hier:
Derzeit werden in Deutschland vor allem Nieren und Teile der Leber von lebenden Spender*innen auf Empfänger*innen übertragen.2 Medizinisch möglich und gesetzlich erlaubt ist auch die Übertragung eines Teils der Lunge, des Dünndarms und der Bauchspeicheldrüse.2 Die Lebendorganspende dieser Organe wird jedoch in Deutschland kaum durchgeführt.2 Im Jahr 2024 wurden 632 Nierentransplantationen und 56 Lebertransplantationen nach Lebendspende durchgeführt.3 Zum Vergleich: im selben Jahr wurden 1.443 Nieren und 834 Lebern postmortal transplantiert.3
In Deutschland waren Lebendspenden bislang nur zulässig, wenn ein enges genetisches oder emotionales Näheverhältnis zwischen Organspender*in und -empfänger*in bestand. Seit einer Gesetzesänderung im März 2026 wurde diese Regelung für die Lebendnierenspende erweitert. So sind nun unter bestimmten Voraussetzungen auch sogenannte Überkreuz-Lebendnierenspenden zwischen nicht kompatiblen Spender-Empfänger-Paaren möglich, selbst wenn sich diese untereinander nicht kennen.4 Zudem wurde die Möglichkeit einer nicht gerichteten anonymen Nierenspende eingeführt.4 Unverändert gilt, dass eine Lebendspende nur auf Basis einer freiwilligen Zustimmung erfolgen darf. Die Spendenden müssen nach ärztlicher Beurteilung geeignet sein und dürfen nicht über das Operationsrisiko hinaus gefährdet oder über die unmittelbaren Folgen der Entnahme hinaus beeinträchtigt werden.1 Seit der Gesetzesänderung 2026 wird diese Regelung durch eine verpflichtende unabhängige psychosoziale Beratung und Evaluation vor der Spende sowie eine kontinuierliche Betreuung im Transplantationszentrum über den gesamten Spendeprozess hinweg ergänzt.4
Eine psychosoziale Evaluation wird auch in der Leitlinie „Psychosoziale Diagnostik und Behandlung von Patient*innen vor und nach der Organtransplantation“ empfohlen, um Belastungen systematisch zu erfassen und frühzeitig zu behandeln.1 Dabei sollten insbesondere bekannte psychosoziale Risikofaktoren berücksichtigt werden, darunter aktuelle oder zurückliegende psychische Erkrankungen, eine geringe Vitalität beziehungsweise erhöhte Fatigue, mangelnde soziale Unterstützung, anhaltende Ambivalenz gegenüber der Spende sowie stark ausgeprägte Erwartungen an persönliche Vorteile oder Befürchtungen hinsichtlich negativer gesundheitlicher Folgen.1
Um finanzielle Nachteile für Lebendspender*innen zu verhindern, wurden bereits 2012 verschiedene Gesetzesänderungen verabschiedet.1 So erhalten Spender*innen eine Lohnfortzahlung bzw. eine Erstattung des entgangenen Arbeitseinkommens, und auch die Kostenübernahme für die erforderliche Nachsorge und eventuelle medizinische Behandlungen ist sichergestellt.1
Das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden einiger Spender*innen kann vor der Operation stark beeinträchtigt werden.1 Der Großteil fühlt sich vor der Spende jedoch wenig eingeschränkt.1 Die folgenden Faktoren tragen zu einer erhöhten psychosozialen Belastung bei:
Für viele Spender*innen steht präoperativ die Sorge um die Organempfänger*innen im Mittelpunkt, insbesondere bei einem sehr engen Näheverhältnis.1
Eine anhaltende Unsicherheit bezogen auf die Spendeentscheidung steht mit einem ungünstigeren psychosozialen Outcome in Verbindung.1 Eine verringerte Unsicherheit wurde bei Spender*innen mit hoher Lebensqualität, familiärer Unterstützung und emotionaler Nähe zum/zur Empfänger*in beobachtet.1
Die Mehrzahl der Spender*innen bewertet die Option der Lebendspende positiv, doch einige Spender*innen berichten auch von einem Gefühl moralischer Verpflichtung oder sogar subtilem bis explizitem Druck, beispielsweise seitens der Familie oder behandelnden Ärzt*innen.1 Insbesondere, wenn keine weiteren Spender*innen zur Verfügung stehen und die Aussichten auf eine zeitnahe postmortale Spende gering sind, kann das Gefühl einer moralischen Verpflichtung eine enorme Belastung sein.1
Die notwendigen Untersuchungen und Wartezeit bis zum Vorliegen aller Befunde wirken sich belastend auf die Psyche der Spender*innen aus.1 Hinzu kommen die Angst vor möglicherweise bedrohlichen Befunden (z. B. Erstdiagnose einer schweren Erkrankung) sowie vor der Operation als zusätzliche Belastung.1
Obwohl der Großteil der Spender*innen nach einem günstigen Verlauf der Transplantation eine Entlastung verspüren, kommt es bei einigen Spender*innen zu langanhaltenden Belastungen (> 6 Monate nach Spende).1 Diese manifestieren sich in einer Verschlechterung ihrer körperlichen und psychischen Lebensqualität sowie eine Zunahme von Fatigue und depressiven Symptomen.1
Einigen Spender*innen berichten von der Sorge nach Transplantation ihrer Verantwortung der Familie gegenüber, insbesondere der Kinder, nicht mehr gerecht werden zu können.1 Zudem kann die Vereinbarkeit der Lebendspende mit der beruflichen Tätigkeit für einige Spender*innen problematisch sein.1 Das Ausmaß ist dabei abhängig von der Unterstützung durch den/die Arbeitgeber*in und der körperlichen Belastung.1 Bereits 2012 wurde durch verschiedene Gesetzesänderungen versucht, die Belastungen durch berufliche und finanzielle Einschränkungen für Spender*innen weitgehend zu verhindern.1
Studien zeigten, dass insgesamt bis zu 67 % aller Spender*innen von Angststörungen und bis zu 47 % von einer Depression betroffen waren.5 Die Häufigkeit einer Depression war für Nieren- und Leberspender*innen vergleichbar hoch.1 Eine Depression wurde bei etwa bis zu 47 % der Nierenspender*innen und etwa bis zu 34 % der Leberspender*innen festgestellt.1 Eine Fatigue kam bei Nierenspender*innen hingegen häufiger vor als bei Leberspender*innen.1
Ein Großteil der Studien verglichen den Schweregrad der psychosozialen Belastungen nicht mit den individuellen Ausgangswerten vor der Spende, sondern mit der Allgemeinbevölkerung.1 Diese ist jedoch als Referenzgruppe weniger gut geeignet, da es sich bei Lebendspender*innen um eine selektive Stichprobe von vergleichsweise gesunden Personen handelt.1 Zudem beruhen die Ergebnisse auf der subjektiven Auffassung der Spender*innen und lassen sich objektiv nur schwer ermitteln.1
Lebendspender*innen können durch zahlreiche und spezifische Belastungen im Rahmen einer Transplantation relevant beeinträchtigt werden.1 Einige Belastungen lassen sich reduzieren, während andere wieder unvermeidbar sind, wie z. B. präoperative Untersuchungen oder der postoperative Wundschmerz.1 Sie zu identifizieren ist ein wichtiges Ziel der psychosozialen Evaluation und Nachsorge.1 Hierzu können verschiedene Fragebögen zur quantitativen und qualitativen Selbsteinschätzung zur Bestimmung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (Health Related Quality of Life) eingesetzt werden.1,6 Beispiele sind der SF-36 Fragebogen zum Gesundheitszustand, der Fragebogen „Gesundheit und Wohlbefinden 1 Jahr nach der Lebendspende“ (Gesundheit Österreich GmbH) sowie „Sozialer Status ein Jahr nach der Lebendspende“ (Gesundheit Österreich GmbH).6
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