Für die Schweizer Politik ist die Corona-Pandemie vorbei. Bei uns in der Apotheke kann davon aber keine Rede sein. Die vielen Infektionen bringen uns einmal mehr ans Ende unserer Kräfte.
Es ist anstrengend in der Apotheke. Offiziell ist die Pandemie vorbei. Alle Maßnahmen bei uns in der Schweiz wurden aufgelöst. Keine Maskenpflicht mehr – seit ein paar Tagen nicht mal mehr im ÖV. Keine Quarantänepflicht mehr. Das Coronavirus wurde auf den Status einer „normalen Erkrankung“ runtergestuft und bedarf offenbar keiner besonderen Maßnahmen mehr, um sie zu vermeiden.
Während die Zahlen der Statistiken sinken (zumindest die der positiven Tests), steckt sich in meiner Umgebung gefühlt jeder an. Manche neu, andere wieder. Den Zahlen ist da nicht mehr zu trauen – sie geben das wirkliche Geschehen nicht wieder. Und sie interessieren auch niemanden mehr. Ich glaube, sie haben jetzt sogar aufgehört, die Statistik dazu zu erheben – wieso auch? Was ist da noch die Aussagekraft, wenn man nur noch auf Wunsch testet (Juniors Schule testet auch nicht mehr) und wenn das Testergebnis keinerlei Konsequenzen hat (keine Isolation mehr nötig, den Arbeitgeber freut es). Die Infektion ist egal geworden.
Das mit dem „jeder steckt sich an“ konnten wir gut in unserer Apotheke sehen. Zwei Jahre lang haben wir es geschafft, dass unsere Apotheke fast Covid-frei geblieben ist. Ansteckungen fanden nur von außen (meist in der Familie) statt und waren weit gestreut. Dann kam die Aufhebung der Maskenpflicht. In der Apotheke haben wir weiterhin Masken getragen – zum Schutz der vulnerablen Kunden und damit wir uns im Fall nicht untereinander anstecken. Aber mit dem Infektionsgeschehen überall … Ich mach's kurz: Wir hatten allein in einer Woche 4 positive Angestellte. Und seitdem (weiter gestreut) mehr. Das sind 30–40 % der Belegschaft, die da fehlen. So was ist nicht so einfach zu kompensieren – dazu kommt, dass wir seit Herbst in Unterbesetzung arbeiten.
Wir haben nämlich dasselbe Problem, wie alle anderen im Gesundheitswesen: Wir mussten lange sehr flexibel sein, einspringen, wechseln, Mangel verwalten, Mehrarbeit leisten und zusätzliche Dienstleistungen stemmen wie Testen, Impfen, erweiterter Hauslieferdienst, Essentielles besorgen (Desinfektionsmittel und Masken anfangs, die Selbsttests später). Wir arbeiten seit über 2 Jahren mit Masken und das tagelang. Daneben noch die übliche Arbeit. Und dazu noch die Familie, um die man sich sorgt – wen wundert es, wenn sich da bei einigen Burnout ankündigt und sie sich nach grüneren Auen umsehen?
Im November haben wir so eine gute Drogistin verloren, die auch alles in der Apotheke gemacht hat. Jetzt profitiert eine Krankenkasse von ihrem Wissen – und sie von angenehmeren Arbeitszeiten. Wir haben intensiv gesucht, aber bis jetzt niemanden gefunden, der sie ersetzt. Im Mai werden wir eine Pharmaassistentin verlieren. Die Arbeit wird auf die noch Verbliebenen verteilt – die Belastung steigt. Über die Suche (und die Versuche) jemanden zu finden, könnte ich einen eigenen Artikel schreiben. Wir würden fast alles nehmen, vom frischen Abschluss bis Wiedereinsteiger. Der Markt ist trocken. Ich bin bald soweit, dass ich hier nachfrage, ob jemand jemanden kennt … .
Mit Hilfskräften (und zwar nicht vom Fach) und viel Einsatz meiner wunderbaren Mitarbeiter haben wir es bisher ausgehalten. Ich bin sicher, dass die Kundschaft nicht viel davon mitbekommt, aber es ist anstrengend. Es hat außerdem den Effekt, dass manche denken: Wenn es auch so geht (also dieselbe Arbeit mit weniger Leuten), dann ist ja alles in Ordnung – und wir könnten das so lassen.
Da sind wir jetzt. Ich sehe momentan nicht, dass es besser wird. Den Zahlen kann ich nicht trauen. Wie man auf Twitter und Co aus dem Spital und aus den Arztpraxen hört, geht es den Kollegen genau gleich. Personalausfälle wegen Krankheit und auf Zeit wegen Überarbeitung. Gleichzeitig das Gefühl, dass wir uns in einem riesigen Experiment befinden. Man hat alle Schutzmaßnahmen aufgehoben und allgemeine Durchseuchung ist angesagt. Die Wirtschaft hatte da ganz offensichtlich mehr mitzureden als die Vernunft – oder die Sorge um den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Man redet von „Immunität aufbauen“ und davon, dass Omikron mit seinem meist „milden Verlauf“ dabei hilft. Ich bin mir nicht sicher, ob das so funktioniert.
Ich habe zu viele gesehen, die sich innerhalb weniger Wochen wieder angesteckt haben. Wovon man nichts mehr hört ist Long Covid – und dass, obwohl inzwischen viele Studien zeigen, dass es das gibt und dass man sogar geimpft eine gute Chance darauf hat. Bei jeder Infektion. Mir persönlich hat meine eigene Covid-Infektion gereicht, dass ich das nicht wiederholt haben möchte. Ich habe auch heute noch das Gefühl, es ist nicht mehr gleich wie vorher. Der Geruchssinn ist wiedergekommen, aber manches riecht anders. Ich werde viel schneller müde, wenn ich etwas mache, brauche länger, um mich zu erholen. Ich habe das Gefühl, ich bin langsamer geworden im Denken. Es ist subtil, aber immer noch da. Andere haben viel schlimmere Beschwerden und man weiß, dass die Sterblichkeit noch Monate danach erhöht ist.
Aber die Wirtschaft hat genug gelitten, man will wieder Normalität und das hat man jetzt so. Oder zumindest etwas optisch Ähnliches. Wenn man nicht testet, sieht man nicht, wie viele krank sind. Wenn man die Quarantäne aufhebt, kann man schneller wieder zurück zur Arbeit. Ohne Maske sieht man in der Öffentlichkeit nicht mal mehr etwas von der Infektion. Man kann überall hin und alles wieder machen (vorausgesetzt, man ist jung, gesund und hat keinen Respekt vor einer Infektion). Das Spital ist angeblich auch jetzt nicht überlastet (oder die haben gleich resigniert und sind zu müde zum protestieren).
Alles ist bestens.
Bildquelle: Andrew Neel, unsplash