ALS-Patienten leiden häufig unter Schluckstörungen. Grund dafür ist die fortschreitende Neurodegeneration. Allerdings gibt es keine Berichte über die Hirnaktivität während des Schluckens. Zwei Fälle bringen nun Licht ins Dunkel.
Die Dysphagie ist eine Schluckstörung, die eine oder auch mehrere Phasen des Schluckvorgangs betreffen. Allerdings handelt es sich dabei um ein Symptom, das bei verschiedenen Erkrankungen auftreten kann – auch bei der Amyotrophischen Lateralsklerose (ALS). Die Ursache liegt dabei in der Degeneration der kortikalen und bulbären Motorneuronen des Mund-Rachen-Raums.
Es hat sich bereits gezeigt, dass ALS-Patienten eine verminderte ereigniskorrelierte Desynchronisation (ERD) in den medialen sensomotorischen Arealen aufweisen – oder einfacher gesagt: eine verminderte Hirnaktivität. Betroffene brauchen häufig länger zum Schlucken, jedoch gibt es keine Berichte über die Hirnaktivität während des Schluckvorgangs selbst. Forscher untersuchten diese nun in zwei Fällen von ALS-Patienten mit Dysphagie.
Fall 1: Ein 71-jähriger Rechtshänder, bei dem im Alter von 70 Jahren ALS diagnostiziert wurde. Sein erstes Symptom war Muskelschwäche in der rechten Hand, ungefähr ein Jahr vor der Diagnose. Mit zunehmendem Alter verringerte sich auch die Nahrungszufuhr aufgrund der Verschlimmerung der Dysphagie. Daraufhin wurde er wegen eines implantierbaren venösen Zugangs zur Nahrungsaufnahme ins Krankenhaus eingewiesen. Er war noch in der Lage Wasser ohne Verdickung, Gelee und enzymatisch abgebaute Nahrung aufzunehmen. Bei Untersuchungen konnten die Ärzte Schwierigkeiten in der pharyngealen Phase bzw. im Rachenraum feststellen.
Fall 2: Eine 64-jährige Rechtshänderin, die im Alter von 63 Jahren mit ALS diagnostiziert wurde. Ihre ersten Symptome waren Dysarthrie und Rhinolalie. Die Patientin kam ins Krankenhaus, um – aufgrund einer verschlimmerten Dysphagie – eine perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG) angelegt zu bekommen. Bei der Aufnahme zeigte sich eine Zungenatrophie sowie eine eingeschränkte Elevation und Inversion der Zunge. Wegen ihrer Kau- und Schluckstörungen konnte sie nur pürierte Nahrung zu sich nehmen.
Die Forscher erfassten mithilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG) die Hirnaktivität beider Patienten. Zusätzlich berechneten die Wissenschaftler den ERD. Die Aufzeichnung erfolgte während des bewussten Schluckens der beiden Probanden. Dafür wurde vor jedem Schluck 2 ml Wasser in die Mundhöhle der Patienten injiziert. Sie wurden anschließend darum gebeten, in ihrem eigenen Tempo und ohne Kopfbewegung zu schlucken.
Im Fall 1 lag die durchschnittliche Schluckdauer bei 7,6 ± 3,0 Sekunden; im Fall 2 bei 8,3 ± 2,9 Sekunden. Beim Schluckvorgang war die signifikante ERD in Fall 1 im präfrontalen und prämotorischen Bereich lokalisiert. Sowohl die Dauer, als auch die Verteilung unterschied sich in beiden Fällen: Während sie im Fall 1 etwa 3 Sekunden nach Beginn des Schluckens bis zum Ende andauerte, war hingegen im Fall 2 die ERD nur zu Beginn des Schluckens (1 – 5 Sekunden) in den lateralen sensomotorischen Arealen lokalisiert. Dagegen konnte in beiden Fällen keine kortikomuskuläre Kohärenz (CMC) beobachteten werden. Während des Schluckvorgangs traten auch keine unterwünschten Ereignisse auf; es kam weder zu einer Aspiration, noch zu mehrfachem Schlucken oder verschlucken des Speichels.
Obwohl bei beiden ALS-Patienten eine schwere Dysphagie beobachtet wurde – die Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme verursachte –, wiesen jeweils beide Fälle ein individuelles Timing sowie Verteilung der ERD-Entstehung während des verlängerten, bewussten Schluckens auf.
„Dies deutet darauf hin, dass bei Patienten mit dysphagischer ALS unterschiedliche Prozesse der Degeneration und Kompensation ablaufen“, schreiben die Autoren zu ihren Ergebnissen. Allerdings sind weitere Studien mit einer größeren Anzahl an ALS-Patienten mit Dysphagie nötig, um diese Vermutung zu bestärken.
Die Originalpublikation findet ihr hier und im Text.
Bildquelle: Priyanka Singh, unsplash