Besonders für Ärzte ist die COVID-19-Pandemie eine außergewöhnliche Belastung. Eine Befragung weist auf psychische Beschwerden hin und zeigt: Auch die Patientenwürde konnte nicht immer gewahrt werden.
Wie erleben Ärzte ihr eigenes Handeln in der Pandemie? Wie gehen sie mit den besonderen Herausforderungen um? Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen äußerten dazu ihre persönliche Einschätzung im Rahmen einer anonymisierten Online‐Befragung. Sie beantworteten Fragen zu ihrer Lebenssituation, zu den von ihnen behandelten Patienten sowie zu den Belastungen, denen sie selbst ausgesetzt waren.
„Im vorigen Jahr wurde immer häufiger von überlasteten und erschöpften Ärzt:innen berichtet. Wir wollten das Problem mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen. Deshalb haben wir uns entschlossen, diese systematische Studie durchzuführen“, erklärt Studienleiter Prof. Andreas Goette.
Insgesamt 1.476 Mitglieder der Ärztekammer Westfalen‐Lippe nahmen im Zeitraum vom 16.11. bis 31.12.2021 an der Online-Befragung teil. Die Teilnehmer sind etwa zur Hälfte Krankenhaus- und zur Hälfte niedergelassene Ärzte. Sie arbeiten in Kliniken und Praxen der Fachgebiete Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie sowie Kinder- und Jugendheilkunde. Die meisten von ihnen haben bereits mehr als zehn Jahre Berufserfahrung.
Die Mehrheit (84 Prozent) der Teilnehmer hat selbst COVID-19-Patienten behandelt. Nach Aussage der Befragten ging dies mit großen Einschränkungen im Arbeitsalltag einher. Rund drei Viertel fühlten sich in ihrer Arbeit beeinträchtigt und berichteten, die akute Behandlung von Nicht-COVID-19-Patienten sei eingeschränkt, wobei 52 Prozent „etwas eingeschränkt“ angaben, 29 Prozent „stark eingeschränkt“.
Nach Einschätzung der befragten Ärzte konnte in etwa einem Drittel der Fälle die Patientenwürde nicht gewahrt werden. 43 Prozent fühlten sich durch externe Vorgaben in ihrem ärztlichen Handeln behindert. Die besonderen Belastungen während der Pandemie hatten schwerwiegende Konsequenzen: Rund 60 Prozent der befragten Ärzte fühlten sich hilflos. Mehr als die Hälfte der Befragten litt an Schlafstörungen und über drei Viertel berichteten über Erschöpfungssymptome und sogenannte „Mitgefühlsmüdigkeit“ (compassion fatigue) in der ärztlichen Arbeit. Klinische Anzeichen einer Depression zeigten sich bei 12 Prozent der Befragten und Anzeichen einer Angststörung bei weiteren 12 Prozent. Nach dieser ersten Datenauswertung sind die Beeinträchtigungen bei den Krankenhausärzten ausgeprägter als bei den Niedergelassenen.
Prof. Karl-Heinz Ladwig fasst zusammen: „Die ersten Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Die Pandemie und insbesondere die Behandlung von COVID-19-Patienten hat gravierende Folgen für die ärztliche Arbeit. Sogar die Würde der Patienten kann in vielen Fällen nicht mehr respektiert werden. Dadurch wird das ärztliche Handeln in seinen ethischen Grundzügen in Frage gestellt. Und wie wir sehen, gehen die extremen Belastungen auch an erfahrenen Medizinern nicht spurlos vorüber, sondern führen zu schwer beherrschbarem psychosozialem Stress. Verbreitete Hilflosigkeit bei Ärzten, einer Berufsgruppe, die es eigentlich gewohnt ist, Situationen zu beherrschen und zu meistern, ist alarmierend.“
Die wissenschaftliche Publikation der Studie ist zurzeit in Vorbereitung. Goette erläutert: „Wir arbeiten an einigen speziellen Datenauswertungen, um beispielsweise folgende Fragen zu beantworten: Wie unterscheiden sich die Auswirkungen der Pandemie bei Klinikärzten und Niedergelassenen? Wie wirkt sich die Berufserfahrung aus? Gibt es beim Einfluss der Pandemie auf das ärztliche Handeln geschlechtsspezifische Unterschiede?“
Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung des Kompetenznetz Vorhofflimmern (AFNET).
Bildquelle: christopher lemercier, unsplash.