Anfang 2021 soll es die erste Zulassung eines Vakzins gegen SARS-CoV-2 geben, vermutet das Paul-Ehrlich-Institut. Sobald es so weit ist, wird sich die Frage stellen: Wer soll zuerst geimpft werden?
Wissenschaftler arbeiten mit vereinten Kräften an einem Vakzin gegen SARS-CoV-2. Laut Übersicht der Weltgesundheitsorganisation WHO befinden sich 143 Kandidaten in der präklinischen und weitere 33 in der klinischen Überprüfung. Eine Zulassung allein auf der Basis von Phase-1- und Phase-2-Studien, wie in Russland geschehen, werden weder die EMA noch die FDA befürworten. Umso interessanter ist, welche Impfstoffe sich zur Zeit in Phase-3-Studien befinden.
Laut Studienprotokollen planen Forscher in vielen Fällen, die Untersuchungen zwischen Dezember 2020 und September 2021 abzuschließen („primary completion date“). Bis alle Ergebnisse vorliegen („secondary completion date“), kann ein Jahr oder mehr vergehen. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn wahrscheinlich reichen Zwischenauswertungen für Zulassungsanträge aus.
Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) ist jedenfalls optimistisch. „Wenn die Daten in den Phase-3-Prüfungen die Wirksamkeit und Sicherheit von Impfstoffprodukten belegen, könnten erste Impfstoffe zu Jahresbeginn zugelassen sein, womöglich mit Auflagen“, sagte PEI-Chef Klaus Cichutek. Auch das Robert Koch-Institut kommt zu dieser Schlussfolgerung. „Nach aktuellem Kenntnisstand wird erwartet, dass bis Anfang 2021 ein oder mehrere COVID-19-Impfstoff(e) in der Europäischen Union zugelassen und erste Produktionschargen verteilt und vertrieben werden könnten“, heißt es im Epidemiologischen Bulletin des RKI. Die Ständige Impfkommission (STIKO) will bis zur Zulassung noch offene Aspekte der Verteilung von Vakzinen erarbeiten.
Doch wie könnte eine Verteilung aussehen? Damit haben sich US-Forscher befasst; ihre Veröffentlichung liegt derzeit nur als Preprint vor. „Selbst in den optimistischsten Szenarien wird es wahrscheinlich zu Impfstoffmangel kommen“, schreiben die Autoren. Sie arbeiten mit mathematischen Simulationen, nicht mit grundlegenden ethischen Überlegungen. Ihre Ergebnisse:
„Auch wenn es andere gesellschaftliche und ethische Überlegungen gibt, kann diese Arbeit eine evidenzbasierte Begründung für die Festlegung von Impfstoffprioritäten liefern“, schlussfolgern die Autoren.
„Das Manuskript beschäftigt sich mit einer der wichtigsten Fragen, die in den kommenden Monaten und Jahren auf uns zukommen. Der Grundansatz ist interessant, aber sehr vereinfacht“, ordnet Dr. Barbara Rath, Vorstandsvorsitzende und Gründerin, Vienna Vaccine Safety Initiative (ViVI) die Publikation ein. „Die Realität ist komplexer und schließt gesellschaftliche und epidemiologische Bedingungen mit ein, sowie Maßnahmen und Umstände des öffentlichen Gesundheitswesens.“ Ein entscheidender Vorteil des Modells sei aber, dass es einige relevante Aspekte berücksichtige: „sowohl die Prävention als Impfstrategie, das heißt die komplette Verhinderung von Neuinfektionen durch einen (hocheffizienten) Impfstoff“ als auch „die Variante der Mitigation (Verminderung) der Erkrankungsschwere bei einem weniger effektiven Impfstoff“.
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