Das medizinische Wissen wächst rasant, schon 2020 soll es sich alle 73 Tage verdoppeln. Für Kliniken und Praxen lohnt es sich, eine eigene Wissensplattform zu erstellen. Ein Experte erklärt, wie das in drei Schritten möglich ist.
Jeden Tag kommen neue Erkenntnisse über Erkrankungen und Therapien hinzu. Rein rechnerisch hat sich das medizinische Wissen im Jahr 1950 noch alle 50 Jahre verdoppelt, 2010 dauerte das nur noch 3,5 Jahre. So lautet ein aktueller Bericht der University of Iowa. Diesen Analysen zufolge könnte sich bereits 2020 diese Taktung auf 73 Tage verringern. Wie soll man als Arzt hier noch den Überblick behalten?
Eine Möglichkeit sind externe Lösungen, vorgefertigte Praxistools und Software. Doch geht es auch ohne kommerzielle Anbieter? DocCheck sprach dazu mit Prof. Dr. Peter Haas, Experte im Bereich medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund. Er nennt die drei wichtigsten Schritte bei der Erstellung einer klinikinternen Plattform.
„Medizin ist eine der wissensintensivsten Branchen“, sagt Haas. „Für Personen im Gesundheitsbereich gibt es aber verschiedene Wissensarten, die wichtig sind.“ Er nennt in einem Übersichtsbeitrag:
Nicht jeder Mitarbeiter nutzt auch jede Information. „Manche Themen sind für die alltägliche Arbeit relevant, andere eher für neue Mitarbeiter“, so Haas. Bestimmte Bereiche seien vielleicht selten von Relevanz, müssen unter Umständen aber schnell erreichbar sein.
Letztlich sollten alle Zielgruppen, also Ärzte mit unterschiedlichen Fachrichtungen, Pflegekräfte oder Verwaltungsmitarbeiter, finden, wonach sie suchen. Hier helfe eine Analyse der Anforderungen, rät der Experte.
Im nächsten Schritt muss geklärt werden, wie man das vorhandene Wissen abbildet. Von einem klassischen Intranet auf HTML-Basis rät der Experte ab. Dies sei „wenig effektiv“, da sich nicht alle Akteure beteiligen könnten. Wikis eignen sich seiner Erfahrung nach besser. Denn solche Websites können von den Beteiligten nicht nur gelesen, sondern direkt bearbeitet werden. Beispiele hierfür sind die Web-Enzyklopädie Wikipedia und das Flexikon von DocCheck.
So können sich alle Kollegen einbringen und über ihren Browser Inhalte sofort veröffentlichen oder vorhandene Texte ändern. Je unterschiedlicher die Expertise, desto umfassender wird auch das Wissenswiki. Für ein größeres Wiki veranschlagt Haas zwei bis vier Wochen, um die Software aufzusetzen und eine sinnvolle Grundstruktur vorzubereiten.
Steht die Plattform fest, geht es ans Inhaltliche. Verschiedene Kliniken oder Abteilungen des Krankenhauses pflegen Inhalte ein und verschlagworten die Artikel. Aber ein Wissenspool sollte auch regelmäßig aktualisiert werden, zum Beispiel durch neue Veröffentlichungen. Wichtig ist dabei, dass unterschiedliche Akteure ihr Wissen einbringen. Der Aufwand ist schwer einzuschätzen. Grundsätzlich gilt: Je größer die Organisation, desto mehr Zeit muss investiert werden.
Aber klappt das in der Praxis wirklich? „Ein Wissensmanagement zu implementieren, macht nur Sinn, wenn es als strategische Maßnahme der Geschäftsführung und als kritischer Erfolgsfaktor für die Effizienz und Qualität der Gesundheitseinrichtung gesehen wird“, so Haas. „Sitzen lediglich einzelne Mitarbeiter daran, um das Wiki zu pflegen, haben sie bereits verloren.“
Der Experte fordert, Wissensmanagement auf eine Stufe mit Qualitätsmanagement zu stellen. „Man könne vergleichbar mit Qualitätszirkeln auch Wissenszirkel einreichten“, lautet seine Idee. „Und jeder Chefarzt wird verpflichtet, Wissensbeauftragte zu bestellen.“
Kliniken stehen umfangreiche Ressourcen zur Verfügung, gerade im administrativen und technischen Bereich. Bei großen Facharztpraxen oder medizinischen Versorgungszentren sieht das dagegen oft anders aus. Maßgeschneiderte Lösungen lassen sich trotzdem realisieren. „Ärzte mit Einzelpraxis werden jedoch kein Wissensmanagement nebenbei aus dem Boden stampfen“, sagt Haas. „Hier sind allenfalls schlanke, wenig aufwändige Lösungen möglich.“
Eine kleine Praxis wird keine riesigen Summen investieren. Dem Inhaber bleibt nur, MFA einzuspannen. „Schön wäre, wenn Hersteller von Praxissoftware auch Möglichkeiten schaffen, Wissen kontextsensitiv aus Patientenakten heraus abzurufen, aber das liegt in ferner Zukunft“, so der Experte weiter.
Langfristig wünscht er sich, aus der – hoffentlich bald digitalen – Patientenakte heraus Quellen automatisch recherchieren zu können. Dann wäre es zum Beispiel möglich, beim Patienten mit Hypertonie direkt auf die zugehörigen Leitlinien oder wichtige Fachartikel zuzugreifen. Eine Perspektive auch für kleine Praxen.
Hier gibt es eine Übersicht zu den gängigsten Wikis für Unternehmen, die sich auch für den Einsatz in Kliniken und Praxen eignen.
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