Die Notfallmedizin hat mich von Anfang an begeistert. Bereits die ersten Mitfahrten bei erfahrenen Kollegen fand ich sehr aufregend. Tempo 100 in der Innenstadt – hui. Geblitzt worden – egal! Hochmotiviert mit dem Ziel, einem Menschen in Not helfen zu können. Dann die ersten eigenen Fahrten – hui².
Eigene Patienten behandeln. Kein Oberarzt im Hintergrund, den ich fragen muss. Kein Oberarzt im Hintergrund, den ich fragen kann. Beim Blick auf den Dienstplan wird die Spalte „NEF“ auf den eigenen Nachnamen abgesucht. Jeder Dienst bedeutet eine Menge Zeit, dringend zu erledigende Dinge vom Schreibtisch zu bekommen. Lecker umsonst essen in der Kantine. Traurige, lustige aber auch dramatische Erlebnisse mit Kollegen und Kolleginnen. Viel Banalität und Langeweile, aber eben auch diese Minuten, in denen es im Kopf kribbelt.
Überraschung, es ist ein Baby
Und immer die bange Frage – was erwartet uns vor Ort? Der auf dem Melder als „Kind (11)“ angemeldete Notfall war dann nicht 11 Jahre alt, sondern klitzekleine 11 Monate – Adrenalin. Die bewusstlose Person macht uns selbst die Tür auf – Entspannung. Die Reanimation im Altenheim (zu der ich mit genau diesem Gedanken hingefahren bin) entpuppt sich als 20-jährige Altenpflegehelferin mit Lungenembolie – volle Konzentration, maximale Therapie, alle sind hellwach dabei.
Klar, so lange ich hier rumsitze, geht es dem Bürger gut. Es ist auch sehr komplex, jemandem, der sich nicht für die Notfallmedizin begeistert, erklären zu können, was genau die Faszination ausmacht. Es ist dieses Ostinato im Hintergrundrauschen der Großstadt. Wir sind immer da, nur für den Fall. Es geht gar nicht um das Leid der Menschen. Mir sind auch kaputte Autos egal, das Gaffer-Gen fehlt mir. Was ist es dann?
Ich glaube, es geht mir um die Herausforderung, gegen den Gegner zu gewinnen. Mein Patient erleidet ein Trauma, eine Krankheit schlägt erbarmungslos zu. Ab diesem Moment arbeitet der Gegner gegen uns. Der Gegner hat Vorsprung. Er arbeitet mit starken Schmerzen, mit einer zunehmenden Schwächung des Kreislaufs und hat viele Booster (laute Umgebung, Chaos an der Einsatzstelle) und Multiplikatoren (Begleiterkrankungen, Blutverdünner) auf seiner Seite, die dem Gegner helfen sollen, zu gewinnen.
Kämpfen nach Plan
Es ist die Herausforderung, sich in kürzester Zeit einen Überblick zu verschaffen. Einen Plan zu erstellen. Bereite bitte diese Medikamente vor, ruf Du bitte dort an, mach du bitte das. Der Gegner sieht nicht tatenlos zu, es werden neue Ereigniskarten auf den Tisch geworfen. Blutdruckabfall? Ich habe einen Trumpf im Ärmel und packe Arterenol in die Infusion, das lasse ich auf mittelhart mittropfen, dann ist der Puls peripher gut tastbar.
Die Situation erkennen, Optionen prüfen, eine Option wählen, durchführen und bewerten. Ständig mit dem Team im Kontakt bleiben, effektiv kommunizieren, erkennen, wer noch welche Kompetenzen und Reserven zur Verfügung hat und wer nicht. Es ist kein Spiel. Es ist ein Wettkampf. Es geht um Sieg oder Niederlage, es geht darum,wie man gewinnt. Elegant, schnell, kurz und schmerzlos (man verzeihe mir dieses Wortspiel). Die Therapie kann improvisiert, schmutzig, radikal, langsam, vorsichtig, aggressiv oder in begründeten Fällen auch fernab der Leitlinien stattfinden. Entscheidend ist unterm Strich das Ergebnis.
Ein Berg nach dem anderen
Es geht um die Ungewissheit und das Nicht-mehr-Planbare. Es erinnert mich an die Wanderungen mit meinem Großvater durch die Schweizer Berge. Wir konnten immer nur bis zum nächsten Felsvorsprung schauen. Meistens kam dahinter der nächste Anstieg, ein weiterer sich serpentinenartig schlängelnder Wanderweg um den Berg herum. Viel zu selten kam die ersehnte Bergstation mit Spielplatz und Verpflegung. Die Motivation blieb der Reiz des Unerwarteten. Es könnte sein. Wir müssen mal schauen. Erstmal nur bis da vorne.
Es sind die komplexen, schwerverletzten oder schwerkranken Patienten. Es sind die großen Herausforderungen, die bei mir dieses Kribbeln im Kopf auslösen. Am Rande der Komfortzone muss ich wach sein, auf Fehler lauern, entdecken, beheben, selber keine machen. Haken schlagen und den Patienten sicher ans Ziel führen. Ich bin wie der Bergführer, der die Gletscherspalten umgehen muss.
Es war nicht alles gut. Aber es wird besser.
Und am Ende gilt es, die eigene Arbeit ständig neu zu bewerten. Was war besonders gut? Was hätten wir besser machen können? Wo besteht Nachholbedarf?
Nach einem NEF-Dienst gehen viele Einsätze in der Bedeutungslosigkeit verloren. Fehleinsätze, Banalitäten. Es bleibt aber immer ein Destillat über, was mich reifen lässt, demütig macht und am Ende dankbar zurück lässt, den für mich schönsten Beruf der Welt zu haben.