Eine der Ängste, die vor Jobbeginn hatte, war, dass die Patienten mich nicht ernst nehmen, weil ich neu und noch recht jung bin. Auf dem Land nicht unbedingt förderlich für eine vertrauensvolle Arzt-Patientenbeziehung. Verständlicherweise, wenn ich seit 20 Jahren zum selben Arzt gehe und der mich sehr gut kennt, stehe ich einem neuen Gesicht erst einmal skeptisch gegenüber. Als Patient warte ich dann zunächst ab, ob der oder die Neue überhaupt etwas taugt. Erst recht, wenn diese noch sehr jung ist.
Um es vorwegzunehmen: Ich bin als "die Neue" sehr gut aufgenommen worden. Die meisten Patienten haben sich mit Wohlwollen und einem großen Vertrauensvorschuss in meine Hände begeben. Auch wenn diese Hände gerade am Anfang nicht immer unbedingt wussten, was sie da gerade tun.
Trotzdem gab und gibt es immer mal wieder Patienten, die nicht so ganz verstanden haben, was gerade passiert. Auch wenn ich mich immer am Anfang des Gesprächs bei einem neuen Patienten vorstelle. Vor einer Weile hatte ich einen noch nicht wirklich alten Patienten, bei dem ein neu aufgefallener Bluthochdruck eingestellt werden sollte. Ich erklärte ihm ausführlich die Genese der Erkrankung, worauf er jetzt achten sollte und welche Medikamente mit welchen Nebenwirkungen nun in Betracht kommen. Ich untersuchte ihn nochmals, schrieb ihm ein Rezept und einen Med-plan, empfahl ihm einen Blutdruckmessgerät für Zuhause anzuschaffen und wann wir uns zur Kontrolle wiedersehen sollten. Während des ganzen Gesprächs wirkte er interessiert und stellte auch Zwischenfragen. Am Ende des Gesprächs angekommen, verabschiedeten wir uns voneinander. Beim Verlassen des Raumes drehte er sich noch einmal um und sagte: "Ach sagen Sie, und was sind SIE nun eigentlich? Arbeiten Sie jetzt hier?" Leicht irritiert antwortete ich: "Na die Putzfrau bin ich nicht, ich bin Ärztin!" "Achso." sprachs und verließ meinen Raum.
Das unerschöpfliche Vertrauen mancher Menschen in alles, was einen weißen Kittel trägt, egal ob Arzt, Putzfrau oder Schülerpraktikantin, ist erstaunlich...
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