"Kompromisse schaden dem Patienten!" pflegte mein ehemaliger, leider viel zu früh verstorbener Oberarzt, der an meiner klinischen Ausbildung einen so großen Anteil hatte, dass ich ihn stolz als einen meiner Mentoren bezeichnen möchte, stets zu uns jüngeren urologischen Ärzten sagen.
Was er damit meinte, ist: Wenn man von etablierten Behandlungsstandarts unbegründet abweicht, nur um zum Beispiel dem Patienten einen scheinbaren Gefallen zu tun, indem man ihn zum Beispiel (auf eigenes Drängen oder aus einem akuten Bettennotstand heraus) frühzeitig entlässt, dann zieht dies häufiger Komplikationen nach sich, die für alle Beteiligten sehr unangenehm sein können. Um bei dem genannten Fall zu bleiben: Der entlassene Patient entwickelt beispielsweise eine Wundheilungsstörung, welche aufgrund der nur ambulanten Nachsorge erst später erkannt wird, dann aber zur Wiederaufnahme und einem verlängerten stationären Aufenthalt führt. Alle sind im Grunde unzufrieden.
Wenn es um die Frage geht, wie man den Behandlungsverlauf beschleunigen kann, dann fühlt man sich während der klinischen Visite gelegentlich wie auf einem orientalischen Basar: Manche Patienten feilschen, aus deren Sicht natürlich verständlicherweise um jeden Tag, der sie einer Genesung näher bringen oder unangenehme Zustände verkürzen könnte. Da kann es um die Entfernung von Drainagen oder Kathetern, postoperative Mobilisation oder Kostaufbau, das Ausmaß einer Infusionstherapie, die Dauer einer i.v.-Antibiose und vieles mehr gehen. Hauptsache, es geht schnell. Dabei geht die Dauer des durchschnittlichen stationären Aufenthaltes selbst nach größeren Eingriffen in den letzten Jahren kontinuierlich zurück, wozu nicht nur der Druck der Krankenkassen, sondern auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Sinne einer Fast-track-Chirurgie beigetragen haben.
Aber auch erfahrenen Ärzten fällt es nicht immer leicht, den Wünschen der Patienten gegenüber stets hart zu bleiben. Also geht man gelegentlich einen Kuhhandel ein. Leider hat jedoch meine Erfahrung gezeigt, dass es eben häufig schiefgeht: Kompromisse schaden dem Patienten.
Titelbild: © johnnyb / PIXELIO