Cologne Consensus Conference 2016: Interdisziplinäre Fortbildung über das eigene Fachgebiet hinaus im Trend – Ärzte wünschen sich mehr Entscheidungsfreiheit bei CME

Die berufsbegleitende ärztliche Fortbildung (CME) ist wesentlich, denn sie trägt dazu bei, dass das medizinische Wissen auf dem neusten Stand ist und den Patienten zugutekommt. Sie führt zu einer kontinuierlichen professionellen Entwicklung (CPD) mit zusätzlichen wichtigen Kompetenzen für Ärztinnen und Ärzte. Darüber waren sich namhafte nationale und internationale Fachleute bei der fünften Cologne Consensus Conference (CCC) einig. An der Konferenz „Assessments in accredited CME/CPD”, die von der European Cardiology Section Foundation (ESCF) am 16. und 17. September 2016 in Köln veranstaltet wurde, nahmen 60 Experten aus Deutschland, verschiedenen europäischen Ländern, aus den USA und Kanada teil.

Schwerpunktmäßig beschäftige sich der Kongress mit der Evaluation der kontinuierlichen Fortbildung für Ärztinnen und Ärzte. Dabei wurden die individuellen, interdisziplinären und interprofessionellen Fortbildungsbedürfnisse und Wünsche der Fachärzte aller Richtungen diskutiert.

Mehr Entscheidungsfreiheit für Ärzte bei der Wahl ihrer CME

Im Jahr 2015 gab es in Deutschland 360 000 akkreditierte Fortbildungsangebote für Ärzte. „Die Motive der Teilnehmer sind häufig identisch. Die Ärzte wollen vor allem Fehler bei der Behandlung von Patienten vermeiden. So heterogen wie die Probleme ihrer Patienten, so unterschiedlich sind auch die individuellen und fachlichen Fortbildungsbedürfnisse der Ärzte“, führte Prof. Dr. med. Griebenow, Vorsitzender des Vorstands der ECSF, in seiner Einstiegspräsentation aus. Die Unterschiede müssen mehr Berücksichtigung finden bei der CME, den Zielen der Fortbildung, den Lernmethoden und auch bei der Objektivierung der Lernerfolgskontrollen. Die hierfür als ideal vorgeschlagenen Konzepte erforderten aber einen kaum vorstellbaren Einsatz von Personal und Geld. Es gelte daher, gute Kompromisse zwischen Sinnhaftigkeit und Machbarkeit zu finden. „Dies wird aber nicht gelingen, ohne auf die hohe Professionalität der Ärzte zu setzen, dass sie in der Lage sind, ihre Fortbildungsinhalte selbstbestimmt auszuwählen“, mahnte Griebenow.

Lernerfolg: Dreh- und Angelpunkt

Die Erfassung und Bewertung („assessment“) von Fortbildungsbedürfnissen, didaktischen Methoden, Fortbildungsinhalten und -ergebnissen sei das Rückgrat einer evidenzbasierten Fortbildungsplanung und -Zertifizierung, so Griebenow. Der klassische Ansatz geht zunächst von der Erhebung der Fortbildungsbedürfnisse der Teilnehmer aus („needs assessment“), die dann Ausgangspunkt für die Planung der Fortbildungsinhalte und die Festlegung der geeigneten Fortbildungsmethoden sind. Inwieweit die ins Auge gefassten Fortbildungsziele auch erreicht worden sind, wird dann mit Hilfe der Evaluation der Fortbildungsmaßnahme eruiert. Dieser Ansatz birgt politischen Sprengstoff, meint Griebenow: Zu häufig würde von Fortbildungsbedürfnissen Einzelner auf die Allgemeinheit rückgeschlossen. Auch Ergebnisse der Versorgungsforschung ließen noch lange nicht den Schluss zu, dass sie auf jede einzelne Ärztin und jeden einzelnen Arzt gleichermaßen anwendbar seien.

Darüber hinaus wurden in dieser Konferenz aber auch andere Bewertungsszenarien thematisiert: Die Überprüfung von Fortbildungsanbietern in Systemen mit "provider accreditation" oder auch die Rolle von Fortbildung im Rahmen der Erneuerung der Tätigkeitsberechtigung (Lizenz) in den USA oder Kanada.

Welche Art der Lernerfolgskontrolle ist sinnvoll und akzeptabel? Die hierzu zur Verfügung stehenden Testmethoden seien hinlänglich bekannt und ausgiebig evaluiert, sagte Prof. Dr. Jürgen Neuser, ehemaliger Direktor des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) in Mainz, in seinem Einführungsreferat. Dabei gelte aber eben auch, dass umso mehr Aufwand betrieben werden müsse, je valider die Aussagen sein sollten. Es verwundert daher nicht, dass besonders bei großen Kongressen eine objektive Dokumentation des erlernten Wissens als problematisch gilt. Denn keiner weiß, wie lang die einzelnen Kongressteilnehmer anwesend waren und ob sie die Vorträge konzentriert verfolgt haben. Eine Evaluierung, welche einzelnen Inhalte und Aspekte der Großveranstaltung die Erwartungen der Kongressteilnehmer erfüllt haben und welches Wissen verinnerlicht wurde, sei nach Ansicht von Griebenow aber schwierig. Er schlägt daher vor, sich zukünftig mit der Evaluation auf ausgewählte und stärker CME-orientierte Teile von Kongressen zu konzentrieren.

Multiple-Choice-Fragen zur CME-Lernerfolgskontrolle werden in Deutschland beim E-Learning- und bei der Print-CME eingesetzt. Bei 360 000 zertifizierten Fortbildungsaktivitäten pro Jahr wird ein Prozent in Form von Print bzw. E-Learning angeboten. Kalkuliert man mit zehn Multiple-Choice-Fragen pro Modul, so käme man in der Summe auf die stolze Zahl von 36 000 Multiple-Choice-Fragen im Jahr. Während es hier zunächst zwar zu würdigen gilt, dass es offensichtlich gelungen sei, solch immense Zahlen von Multiple-Choice-Fragen Jahr für Jahr in guter Qualität zu produzieren, so sollte man sich hinsichtlich ihrer Funktion als Lernerfolgskontrolle allerdings keinen Illusionen hingeben, so Griebenow: Bei dem in Deutschland üblichen „Review“-Format von Fortbildungsartikeln sei es bei weitem nicht möglich, alle klinisch bedeutsamen Inhalte eines Artikels in zehn Fragen unterzubringen. 360-Grad-Feedbacks („multi source feedback“, MSF) messen im Gegensatz zum klassischen Assessmentverfahren die Kompetenzen aus mehreren Blickwinkeln und beinhalten auch eine Selbsteinschätzung. Ergebnisrelevante Beurteilungen werden in Nordamerika, im Vereinigten Königreich und in einigen europäischen Ländern genutzt. „Sie liefern Angaben, die weit über eine reine Wissensabfrage hinausgehen“, hob Dr. Jim Hall, stellvertretender Vorsitzender des ECSF Foundation Councils hervor. Denn sie ermöglichen den Ärztinnen und Ärzten eine Einschätzung ihrer Entwicklungsmöglichkeit bezogen auf die eigene Tätigkeit und deckten Verbesserungspotenzial auf.

In den Diskussionen rund um den Lernerfolg in der CME wurde deutlich, dass ein allgemeingültiges, weltweites Assessment-Verfahren hinsichtlich der Qualität, der Methoden und Inhalte nicht zu definieren sei. Dazu sind die Gesundheitssysteme, die Zertifizierungen und die politischen Rahmenbedingungen von Land zu Land viel zu unterschiedlich. Dr. Amir Qaseem, Vizepräsident des American College of Physicians, berichtete, dass in den USA die ärztliche Zulassung strikt an die Erfüllung der dortigen CME-Richtlinien gebunden sei. Oft unterliege man politischen Zwängen und leider würde nicht immer genug beachtet, dass manchmal eine Richtlinie, die heute noch passe, vielleicht morgen nicht mehr anwendbar sei, sagte Qaseem. Während sich etwa in den Vereinigten Staaten der Anbieter von ärztlicher Fortbildung zertifizieren lassen muss, überprüfen in Deutschland die Ärztekammern jede einzelne Fortbildungsmaßnahme, ob sie den gesetzlichen Anforderungen und der ärztlichen Fortbildungsordnung entspricht.

Interdisziplinäres Fachwissen gefragt

CME durch Printartikel und webbasierte Portale bieten eine gute Möglichkeit zur unentbehrlichen Erweiterung und Auffrischung der interdisziplinären oder fachbezogenen Kenntnisse der Ärzte, auch wenn sie derzeit nur einen kleinen Teil der Fortbildungsangebote in Deutschland ausmachen. Prof. Dr. med. Christopher Baethge, Leiter der medizinisch-wissenschaftliche Redaktion des Deutschen Ärzteblatts, stellte in seinem Vortrag die Frage, in welchem Ausmaß die Leser fachübergreifende CME wünschen. In Deutschland gibt es 371 300 berufstätige Ärztinnen und Ärzte, die alle das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) erhalten. An den Fortbildungsprogrammen des Deutschen Ärzteblattes haben seit 2004 über drei Millionen Leser teilgenommen. Allein in den letzten 12 Monaten machten 290 010 Ärzte bei diesen zertifizierten Fortbildungsmöglichkeiten im Heft und im E-Learning mit. Die repräsentative DÄ-Umfrage zum Lese- und CME-Verhalten macht deutlich: Über die Hälfte (56%) aller Befragten schätzen den Blick über den Tellerrand des eigenen medizinischen Fachgebietes. Unterschiede gibt es lediglich bei den Berufsgruppen: Interessierten sich 65 Prozent der niedergelassenen Ärzte auch für interdisziplinäre Fortbildungsthemen, lag dagegen das fachübergreifende Interesse mit 49 Prozent bei den angestellten Kollegen in Krankenhäusern etwas niedriger. Alle vier Wochen erscheint im DÄ ein CME-Artikel, der auch eine didaktische Zusammenfassung der wichtigsten Lerninhalte, die Definierung von Lernzielen und ein Quiz mit Feedback sowie die Beantwortung von zehn Multiple-Choice-Fragen beinhaltet.

Martina Siedler, Leiterin des Educational Publishing beim Springer-Verlag Heidelberg, präsentierte in ihrem Vortrag die Lese-Resonanz bei der CME-Nutzung im Zeitraum von 2005 bis 2006. Der Springer-Verlag ist auf medizinische und naturwissenschaftliche Fachpublikationen spezialisiert und gibt über 80 deutschsprachige Fachzeitschriften heraus. Die zertifizierte CME wird crossmedial in Print und via SpringerMedizin.de angeboten. Da bereits 35 Prozent der Nutzer mobil auf Tablets und Smartphones lesen, werde das adaptive, responsive Design der CME immer wichtiger.

Siedler wertete Daten einer Leserbefragung aus und stellte die Frage, ob Ärzte die CME-Inhalte als nützliche Auffrischung ihrer Kenntnisse oder eher als redundante Informationen bewerten. In die Studie gingen 29 Springer-Fachzeitschriften mit CME-Programmen mit 547 Modulen ein. Es wurden 27 000 einzelne Ärzte befragt.

Sowohl den Informationsgehalt als auch den Schwierigkeitsgrad fanden über 90 Prozent der Befragten angemessen, der Praxisbezug wurde als hoch empfunden. Die eindeutige Mehrheit führte aus, dass die CME-Module eine erhebliche Auffrischung ihrer Kenntnisse beinhalteten, etwas weniger als die Hälfte gab an, sie hätten zumindest einiges an neuem Fachwissen erworben. Signifikante Unterschiede bei den Meinungen der einzelnen Fachärztegruppen gab es nicht. „Die Daten stützen unser CME-Konzept, das Fachwissen und vertrautes Wissen zugleich präsentiert“, unterstrich Siedler. Allerdings sei ein Trend zu beobachten: Je höher die ärztliche Position auf der Karriereleiter, die meist mit einer längeren Berufserfahrung einhergeht, desto schwächer bewerten die Befragten die Auffrischung der Kenntnisse und Erweiterung des Fachwissens, die sie durch Fortbildung erreicht haben.

Interprofessionelle Fortbildung von Teams im Kommen

In anderen Ländern schon weitverbreiteter als in Deutschland: Nicht nur der einzelne Arzt, sondern ganze Teams, die im Alltag in Klinik und Praxis zusammenarbeiten, bilden sich gemeinsam fort. Dr. Graham McMahon, Präsident und Geschäftsführer des Acccreditation Council for CME (ACCME), Chicago, stellte den Konferenzteilnehmern die Ziele und den Nutzen einer gemeinsamen Fortbildung bei interprofessionellen Krankenhausteams vor. Der Wert von gut funktionierenden interprofessionellen Teams steigt. Denn gemeinsam sorgen Teams für mehr Qualität, Patientensicherheit, eine reibungslosere Zusammenarbeit und verhindern so auch berufliche Überlastungen, die zum Burnout bei einzelnen führen können. Teamfähigkeit muss aber trainiert werden, damit sich die einzelnen Fachkenntnisse gegenseitig ergänzen. Denn multiprofessionelle Teams entscheiden oft über den Erfolg einer Therapie. Eine Kultur des Miteinanders der verschiedenen Berufsgruppen sei wichtig: Das können gemeinsame Brainstormings, kritische Fallbesprechungen verschiedener Ansätze, aber auch gemeinsame soziale oder kulturelle Veranstaltungen sein, wie sie zum Teambuilding in den USA schon praktiziert werden. „Letztendlich werden Änderungen nur dann effektiv und effizient, wenn die Fortbildung in den Gesundheitsberufen gemeinschaftlich gestaltet wird“, sagte McMahon.

Aufbauend auf der diesjährigen Konferenz wird sich die das Thema der Cologne Consenus Conference 2017 mit der interprofessionellen CME und CPD beschäftigen. Das kündigte Prof. Dr. Heinz Weber, Vorsitzender des ECSF-Stifterrats, an. Der nächste Kongress findet am 15. und 16. September 2017 in Köln statt.

European Cardiology Section Foundation
(gemeinnützige Stiftung des bürgerlichen Rechts)
Prof. Dr. Reinhard Griebenow
c/o Sparkasse KölnBonn,
Stiftungs- und Vereinsmanagement
Hahnenstraße 57
50667 Köln
griebenow@e-cs-f.org

Redaktion: Beatrix Polgar-Stüwe
 

Über die European Cardiology Section Foundation (ECSF)
ECSF wurde 2010 von der Sektion Kardiologie im europäischen Facharztverband UEMS (Union of European Medical Specialists) als gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Köln gegründet. Satzungsgemäß fördert sie unter anderem die ärztliche Fortbildung. Sie hat zu diesem Zweck die CCC-Konferenzen ins Leben gerufen als offenes Forum für alle interessierten Parteien zur Diskussion aktueller berufspolitischer Themen mit Fokussierung auf Fragen der Fortbildungszertifizierung. ECSF ist verantwortlich für die Zertifizierungspraxis von EBAC (European Board for Accreditation in Cardiology), das internationale Fortbildungen im Bereich der kardiovaskulären Medizin zertifiziert.

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